Gesundheit : Fett gegen Zucker

Dr. Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Diabetes bei Kindern verhindern, bevor er entsteht.

Hartmut Wewetzer

Wenn Kinder zuckerkrank werden, dann ist in den allermeisten Fällen ein Typ-1-Diabetes die Ursache. Dabei attackiert die Körperabwehr die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse. Das sind jene Zellen, die das blutzuckersenkende Hormon Insulin herstellen. Kinder mit Typ-1-Diabetes („Jugendlichendiabetes“) müssen deshalb lebenslänglich Insulin spritzen. Anders als beim Typ-2-Diabetes („Alterszucker“) gibt es bis heute keine Möglichkeit, der Krankheit zuvorzukommen. Beim Alterszucker hilft häufig schon Abspecken, um den Blutzucker zu normalisieren. Bei Kindern wird die Krankheit meist erst dann entdeckt, wenn 80 Prozent der Insulin bildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört sind. Dann ist es für die Vorbeugung zu spät.

Trotzdem wird fieberhaft nach Möglichkeiten gesucht, den Typ-1-Diabetes zu bekämpfen, bevor er bereits den größten Teil der Inselzellen demoliert hat. Eine neue Studie weckt Hoffnung. Wissenschaftler unter Leitung von Jill Norris von der Universität von Colorado in Denver haben einen möglichen Schutzfaktor gefunden: Omega-3-Fettsäuren. Sie sind vor allem in fettem Fisch wie Lachs, Sardinen und Makrelen enthalten, aber auch in Sonnenblumen- und Rapsöl. Omega-3-Fettsäuren bremsen möglicherweise die selbstzerstörerische Attacke des Immunsystems auf die Bauchspeicheldrüse.

1770 Kinder mit hohem Diabetes-Risiko im Alter von ein bis drei Jahren haben die Forscher über rund sechs Jahre begleitet. Hohes Risiko bedeutet, dass in der nahen Verwandschaft, also bei Eltern oder Geschwistern, ein Fall von Typ-1-Diabetes aufgetreten war, oder dass das Immunsystem der Kinder sie anfällig machte. Am Ende stellte sich heraus, dass Kinder, die viel Omega-3 über die Nahrung aufnahmen, ein halb so großes Risiko für die Bildung von Antikörpern gegen die Inselzellen besaßen. Antikörper sind Abwehrstoffe, die das Immunsystem herstellt. Wenn sie gegen Inselzellen gerichtet sind, ist das der erste Schritt zur Diabetesentstehung.

Die Entzündung, die schließlich die Bauchspeicheldrüse zerstört, lässt sich am besten mit einem Schwelbrand vergleichen. Omega-3-Fettsäuren gelingt es vielleicht, ihn zu ersticken. Aber noch gibt es nur Hinweise, keinen Beweis.

„Die Entstehung von Typ-1-Diabetes beruht auf mehreren Faktoren, die zusammenkommen müssen“, sagt Thomas Danne vom Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. „Gene, Umwelt und Ernährung und möglicherweise Krankheitserreger spielen eine Rolle.“ Entsprechend vielseitig sind auch die Versuche, die Krankheit am Entstehen zu hindern. Nicht nur Fettsäuren, sondern auch der Verzicht auf Kuhmilch-Eiweiß in den ersten Lebensmonaten und eine Impfung werden erprobt.

Noch ist der Durchbruch nicht da, und den Kinderarzt Danne beschäftigt vor allem, dass es den 20 000 diabeteskranken Kindern in Deutschland an Verständnis und politischer Unterstützung mangelt. Etwa, wenn es um Hilfe beim Insulinspritzen in der Schule geht. Da werden die Kinder oft alleingelassen.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegel. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar