Gesundheit : Rettendes Rauchverbot

Als das Thema Rauchverbot aufkam, war ich zunächst etwas skeptisch. Von der Obrigkeit angeordnete und überwachte Verbote riechen nach Bevormundung.

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Schließlich ist jeder Erwachsene selbst für seine Gesundheit verantwortlich. Niemand wird gezwungen, sich in verräucherten Kneipen und Cafés aufzuhalten. So dachte ich – und wurde eines Besseren belehrt. Wie Untersuchungen belegen, erweisen sich Schutzmaßnahmen als hochwirksam, um Risiken des Nikotinmissbrauchs – Krebs, Herzinfarkt, Bronchitis, Raucherbein und vieles mehr – zu verringern und Raucher wie Mitraucher besser zu schützen.

Diese Woche veröffentlichten Wissenschaftler eine Studie mit Daten von 3,7 Millionen Mitgliedern der Krankenversicherung DAK, die 30 Jahre oder älter waren. Ein Jahr nach Einführung der Nichtraucherschutzgesetze 2007 und 2008 seien die Klinikaufnahmen aufgrund von Durchblutungsstörungen des Herzens (Angina pectoris) um 13 Prozent und aufgrund von Herzinfarkten um neun Prozent zurückgegangen, lautete die Hauptaussage. Frankreich, Italien und die USA meldeten ähnliches. Rauchverbote nützen also anscheinend sofort, auch wenn ein ursächlicher Zusammenhang nicht bewiesen ist. Das zeitliche Zusammentreffen von Rauchverbot und weniger Herzinfarkten kann Zufall sein, zumal das Infarktrisiko – und die Gefahr, an ihm zu sterben – seit Jahrzehnten sinkt. Dennoch spricht viel dafür, dass Nichtraucherschutzgesetze der erfreulichen Talfahrt der Herzleiden noch mehr Schwung verleihen.

Ebenfalls dieser Tage legten die Amerikaner eine Bilanz ihrer Tabakkontroll-Programme vor. 1964 rüttelte der Bericht des obersten Gesundheitshüters der USA zu den Gefahren des Rauchens das Land wach. Durch die danach eingeleiteten Maßnahmen (Rauchverbote, höhere Tabaksteuer, Aufklärung und manches mehr) seien zwischen 1975 und 2000 annähernd 800 000 Todesfälle durch Lungenkrebs verhütet worden, schreibt ein Forscherteam im „Journal of the National Cancer Institute“.

Ganz genau sind es 795 851 gerettete Menschenleben – woher die Wissenschaftler das so präzise wissen wollen, ist mir allerdings ein wenig schleierhaft. Die Maßnahmen senken schließlich das statistische Risiko der Bevölkerung, also die Wahrscheinlichkeit zu erkranken. Niemand kann daher die Menschen namentlich nennen, denen ein trauriges Raucherschicksal dank Tabakkontrolle erspart blieb. Aber sei’s drum. Es sind viele.

Auch Babys profitieren offenbar von reiner Luft, wie eine vor kurzem veröffentlichte schottische Studie ergab. Nach Einführen des Nichtraucherschutzes 2006 sank in Schottland die Zahl der Frühgeburten und der zum Geburtstermin zu leichtgewichtigen Kinder. Der positive Trend zeigte sich bei rauchenden wie nichtrauchenden Müttern. Womit auch mein Argument mit der Bevormundung des mündigen Bürgers durch Rauchverbote stark geschwächt wäre. Denn Kinder haben keine Wahl, wenn andere sie einräuchern. Ihr Recht auf Gesundheit fällt schwer ins Gewicht.

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