Gesundheit : Sind so verletzlich

Deutschlands Männer kränkeln, das besagt zumindest der neue Gesundheitsreport der DAK. Was macht ihnen zu schaffen?

Konkurrenz, Karriere, Kollaps. Männer machen es sich nicht leicht: Viel häufiger als Frauen sind Männer durch Stress im Beruf und rücksichtsloses Alltagsverhalten gesundheitsgefährdet. Leistungswahn, Alkohol und Risikofreude im Verkehr und beim Sport führen öfter als bei Frauen zu Herzinfarkten, Schlafstörungen und Unfällen. Hinzu kommt: „Männer bringen lieber ihr Auto zum Tüv, als sich selbst bei einer Gesundheitsvorsorge anzumelden“, sagt Herbert Rebscher, Chef der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK). Die DAK stellte am Dienstag in Berlin ihren neuen Gesundheitsreport vor. Nur jeder fünfte Mann nimmt demnach an einem alle zwei Jahre von der Kasse bezahlten Gesundheitscheck teil, bei den Frauen ist es immerhin rund jede zweite. Und nur jeder vierte Mann lässt sich jährlich auf Krebs hin untersuchen.

Im Schnitt sterben deutsche Männer etwa sechs Jahre früher als Frauen. Männer sind mit durchschnittlich elf Tagen pro Jahr zwar einen Tag weniger krank als Frauen – das bestätigen auch andere Krankenversicherungen. Durch ihre Lebensweise erkranken sie mit knapp sechs Prozent aber fast doppelt so oft an riskanten Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Frauen. Ein Herzinfarkt ist bei 45- bis 49-Jährigen die häufigste Todesursache. An meist durch Tabak verursachtem Lungenkrebs und alkoholbedingten Leberschäden sterben ebenfalls mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen. Rund fünfmal häufiger als Frauen waren Männer 2007 wegen Schlafstörungen im Krankenhaus – selbst für Experten der DAK ist dieser Befund „überraschend“.

Neu ist auch, dass bei Männern die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen stark ansteigt – allein seit dem Jahr 2000 um mehr als 18 Prozent. Grund sind hier vor allem Depressionen. Psychologen gehen zusätzlich von einer hohen Dunkelziffer aus, da viele Männer Depressionen leugneten oder ignorierten. Während Depressionen Frauen eher traurig und passiv machten, würden Männer oft aggressiv und risikobereit. „Männergesundheit hängt vor allem von zwei Faktoren ab – dem männlichen Rollenbild und der sozialen Lage“, sagt Anne Maria Möller-Leimkühler von der Psychiatrischen Universitätsklinik München. Mediziner sind sich einig: Je stärker sich Männer an maskulinen Klischees orientierten und je geringer ihr sozialer Status ist, desto eher erkranken sie ernsthaft. Trennt sich dann auch noch die Partnerin, steigt das Suizidrisiko um das Dreifache. Und das, obwohl Männer ohnehin schon zwei Drittel aller Selbstmorde verüben. „Gerade bei jungen Männern nehmen diese zu“, sagte Möller-Leimkühler.

Derart große gesundheitliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gab es nicht immer – genetisch bedingt sind sie nach Auskunft von Experten kaum. „1850 etwa war die Lebenserwartung der Geschlechter gleich“, sagte Lothar Weißbach von der Deutschen Gesellschaft für Urologie am Dienstag. Erst während der Industrialisierung hätte sich das Gesundheitsbewusstsein der Männer anders entwickelt als das der Frauen. Weißbach plädiert für mehr Männerärzte. „Die meisten Frauen gehen regelmäßig zum Gynäkologen“, sagt der Urologe. Nicht so weit verbreitet ist der regelmäßige Besuch einer Praxis für Andrologie – Männerkunde. Dabei warnen Mediziner immer mehr vor Männerkrankheiten.

Mehr als jeder zehnte 40-jährige Mann in Deutschland leidet mittlerweile an Erektionsstörungen. Studien in Asien haben in dieser Altersgruppe sogar 40 Prozent Betroffene ermittelt. „Je mehr Zeit man am Arbeitsplatz verbringt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für Erektionsschwierigkeiten“, sagt Wolfgang Harth vom Andrologischen Zentrum des Vivantes-Klinikums in Berlin-Friedrichshain. Im Alter nimmt die Zahl der Betroffenen stark zu. Gerade bei älteren Männern sind Gefäßerkrankungen, Diabetes und Schäden an der Prostata häufig die Ursache. „Sich regelmäßig durch Andrologen untersuchen zu lassen, sollte für Männer jeden Alters genauso selbstverständlich sein, wie für Frauen die Besuche beim Gynäkologen“, sagt Harth. Gefäßerkrankungen zum Beispiel müsse man rechtzeitig erkennen, um Folgeschäden zu verhindern. Gerade der Leistungsdruck im Berufs- und Privatleben führe zu Versagensängsten. Die Angst, den Ansprüchen der Partnerin nicht zu genügen, beträfe jeden Mann hin und wieder. Als impotent gilt, wessen Versuche zum Geschlechtsverkehr sechs Monate lang mehrheitlich scheiterten.

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