Zeitung Heute : GESUNDHEITSREFORM: Aufstand der Weißkittel

HARTMUT WEWETZER

Als Gesundheitsministerin Andrea Fischer und Ärztekammerpräsident Karsten Vilmar vor ein paar Wochen beim Ärztekongreß in Berlin zusammentrafen, war die Stimmung zwischen beiden bereits merklich abgekühlt.Heute werden sie aus Anlaß des Deutschen Ärztetags in Cottbus wieder zusammenkommen, und jetzt dürfte die Temperatur unter den Gefrierpunkt gesunken sein.Gesundheitspolitik und Ärzteschaft waren sich schon in den letzten 30 Jahren selten gewogen, in denen Dutzende von Gesetzen die Kosten im Gesundheitswesen in Zaum halten sollten.Aber so feindselig wie jetzt scheint das Klima noch nie gewesen zu sein.Verunglimpfungen und Beschuldigungen haben die Atmosphäre vergiftet.

Die Gesundheitsministerin sieht mit der "Gesundheitsreform 2000", deren Entwurf sie jetzt vorgelegt hat, hehre Ziele verwirklicht: die Annäherung der getrennten Bereiche von ambulanter und stationärer Versorgung, die Stärkung des Hausarztes und des Patienten, eine qualitativ bessere Arzneimittelversorgung, eine neue Form der Krankenhausfinanzierung und eine Stärkung der Krankenkassen.Ärzte und andere Leistungserbringer warnen dagegen vor Bürokratie und Krankenkassen-Staat oder malen das Gespenst der Rationierung an die Wand: nicht mehr jeder Kranke wird die Therapie bekommen, die notwendig für ihn ist.Oder er wird so lange auf seine Operation warten müssen, daß er sie nicht mehr erlebt.

Viele Ärzte sehen ihre berufliche Existenz in Gefahr.Immer mehr Mediziner müssen von einem gleich bleibenden Krankenkassen-Budget leben, das nicht mit der Zahl der Ärzte wächst.Konkurrenzdruck und Existenzangst wachsen, das ist nirgendwo so deutlich wie in Berlin.Manchem droht die Pleite.Die geplante Einschränkung der Niederlassungsfreiheit erhöht den "Rückstau" in die Kliniken noch zusätzlich, fortan werden sich Schlangen von Medizin-Absolventen vor den Krankenhäusern bilden.Daran, daß noch immer am Bedarf vorbei Ärzte ausgebildet werden, ändert das nichts.

Die Gesundheitsministerin sollte für die Sorgen der Ärzte und anderer "Anbieter" im Gesundheitswesen ein Ohr haben.Aber sie darf auch die Einsicht erwarten, daß immer weiter steigende Krankenkassenbeiträge das Kostenproblem nicht lösen, sondern volkswirtschaftlich noch verschlimmern."Der Bedarf nach medizinischen Leistungen ist im Prinzip unendlich", hat sie den Medizinern in Berlin vorgehalten.

Doch muß sich die Ministerin den Vorwurf gefallen lassen, selbst zu wenig zur Lösung der Probleme getan zu haben.Auf der einen Seite werden Zuzahlungen abgebaut, auf der anderen sieht die bevorstehende Reform eine Ausweitung des Leistungskatalogs der Krankenkassen vor.So werden Kurwesen, Gesundheitsförderung und Selbsthilfeorganisationen bedacht.Gleichzeitig erwarten die Krankenkassen bis zum Jahresende ein Defizit von mehreren Milliarden Mark.Das kann nicht gutgehen.

Andrea Fischer hat sehr wohl die Herausforderung erkannt, die uns eine älter werdende Bevölkerung und die Entwicklung der Medizin beschert.Noch gehört das deutsche Gesundheitswesen zu den leistungsfähigsten der Welt.Damit das so bleibt, müssen alle Opfer bringen.Über kurz oder lang wird man sich wohl darauf besinnen müssen, daß die Gesetzliche Krankenversicherung gegen das existentielle Risiko der Krankheit absichern soll, nicht aber der Rundum-Versorgung dienen kann.Über all diese Probleme sollte die Ministerin gemeinsam mit den Ärzten in Cottbus noch einmal nachdenken.

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