Gesundheitssystem : Was befürchten die Deutschen?

Die Deutschen haben das Vertrauen in ihr Gesundheitssystem verloren. Was befürchten sie?

Rainer Woratschka

Die Bürger misstrauen dem Gesundheitssystem in doppelter Hinsicht. Laut einer Allensbach-Studie befürchtet eine deutliche Mehrheit nicht nur, dass ihre Versorgung in Zukunft teurer und schlechter wird. Sie glauben auch nicht daran, dass die Politik in der Lage sein wird, das System wirksam zu reformieren.

65 Prozent der Bürger und 81 Prozent der Ärzte halten umfassende Reformen für unumgänglich. Aber nur 24 Prozent der Bürger und 13 Prozent der Ärzte erwarten, dass es nach der Bundestagswahl tatsächlich dazu kommen wird. Allerdings ist das weniger eine Kritik am Vermögen der Politiker als an ihren prinzipiellen Handlungsmöglichkeiten. Eine klare Mehrheit von 79 Prozent bezweifelt, dass es der Politik überhaupt gelingen kann, längerfristig eine gute Gesundheitsversorgung sicherzustellen.

Dazu kontrastiert, dass die Befragten dem gegenwärtigen System ein prachtvolles Zeugnis ausstellen. 80 Prozent der Bürger und 82 Prozent der Ärzte bezeichnen die Versorgung hierzulande als gut bis sehr gut. Im Vergleich zu 2008 ist die Zufriedenheit sogar gestiegen. Auffällig ist jedoch, dass Ostdeutsche das System deutlich negativer bewerten.

Was befürchten die Bürger?

Zweierlei: weitere Einschränkungen und zunehmende Kosten. 80 Prozent der Befragten rechnen damit, dass die Beiträge für die gesetzliche Versicherung weiter steigen werden. 78 Prozent rechnen mit höheren Zuzahlungen, 72 Prozent mit einer zunehmenden Zwei-Klassen-Medizin. Und 63 Prozent glauben, dass die Kassen künftig nur noch die Kosten für eine medizinische Grundversorgung übernehmen. Dass sich die Ärzte stärker um ihre Patienten kümmern werden, erwarten dagegen nur sechs Prozent.

Konkret macht sich mit 41 Prozent fast die Hälfte der Bevölkerung Sorgen darüber, im Krankheitsfall aus Kostengründen nicht mehr die notwendige Behandlung verschrieben zu bekommen. Am meisten treibt diese Angst die älteren Menschen um. Bei den über 60-Jährigen sind es 48 Prozent. Zum Teil könnte das auch daran liegen, dass jeder Dritte nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren persönlich schon eine Verschlechterung der Versorgung gespürt zu haben meint. Generell behaupten 59 Prozent, dass sich die Qualität der Gesundheitsversorgung nach unten bewegt hat.

Wie ist das Stimmungsbild unter den Medizinern?

Noch pessimistischer als das der Patienten. Und dabei, so betont Ärztekammer-Vize Frank-Ulrich Montgomery, gehe es den Ärzten „um sehr viel mehr als ums eigene Honorar“. Das nämlich finden Deutschlands Doktoren überraschenderweise und entgegen den Behauptungen protestierender Lobbyisten gar nicht so schlecht. 61 Prozent beurteilen ihre derzeitige wirtschaftliche Situation als gut oder sehr gut, bei den Klinikärzten sind es sogar 85 Prozent. Und für die nächsten fünf Jahre rechnen 36 Prozent mit keiner Veränderung und acht Prozent mit weiterer Verbesserung. 48 Prozent dagegen befürchten ein Minus im Portemonnaie.

Auch die gesetzlichen Leistungen sind aus Ärztesicht ausreichend. 60 Prozent der Mediziner stimmen dem zu, darunter 67 Prozent der Haus- und 68 Prozent der Klinikärzte. Eine andere Sicht der Dinge haben hier nur die Fachärzte. Von ihnen finden nur 41 Prozent, dass die Kassenleistungen noch genügen, 53 Prozent haben daran ihre Zweifel.

Allerdings rechnen 88 Prozent damit, dass es in den nächsten zehn Jahren „immer mehr zu einer Zwei-Klassen-Medizin“ kommt. Drei von vier Befragten prophezeien, dass dann eine Versorgung auf heutigem Niveau nicht mehr für alle gewährleistet ist. Und 66 Prozent glauben, künftig noch weniger Zeit für ihre Patienten zu haben. Jeder zweite Arzt sieht das schon jetzt als Problem. 72 Prozent befürchten, dass der Kostendruck künftig die Qualität der medizinischen Versorgung beeinträchtigt, und 77 Prozent sehen dadurch die Therapiefreiheit bedroht.

Welche Folgen haben die negativen Prognosen für das Verhalten der Ärzte?

Eine Konsequenz schloss Montgomery schon einmal aus. Er wünsche sich zwar, dass die Gesundheitspolitik im Wahlkampf eine entscheidende Rolle spiele, sagte der Ärztekammer-Vize. Einen „Wahlkampf im Wartezimmer“ aber werde es nicht geben. Die gesundheitspolitischen Forderungen gehörten „nicht ins private Arzt-Patienten-Verhältnis“.

Bleibt die Frage, wie die Ärzte dann reagieren wollen. 59 Prozent, so ergab die Umfrage, haben bereits über einen Ausstieg aus dem kassenärztlichen System „ernsthaft nachgedacht“. Bei den Fachärzten versicherten dies sogar 62 Prozent. Ihre Praxis aufzugeben, haben nach eigenen Angaben 39 Prozent bereits erwogen – darunter übrigens mehr Haus- als Fachärzte. Bei den unter 55-Jährigen ist das aktuell bei jedem Fünften ein Thema, vor allem auf dem Land und in kleineren Städten. Im Ausland zu arbeiten, empfänden 43 Prozent aller Ärzte und sogar 52 Prozent der Klinikärzte als „echte Alternative“. Und jüngeren Kollegen zu einer Niederlassung raten, würden derzeit nur noch 22 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es noch stattliche elf Prozent mehr.

68 Prozent der Mediziner bekundeten übrigens, dass ihre Patienten mit Verständnis auf ihre Protestaktionen gegen die Honorarreform reagiert hätten. Bei der Befragung der Patienten durch Allensbach sah das Ergebnis allerdings etwas anders aus. Nur 33 Prozent bezeichneten die Kritik ihrer Ärzte am neuen Honorarsystem als gerechtfertigt – und das noch vor der Bekanntgabe, dass das Ärzteeinkommen durch die Reform im ersten Quartal 2009 im bundesweiten Schnitt um acht Prozent nach oben geschnellt ist.

Welche Lösungsansätze sehen die Bürger?

58 Prozent der Befragten wünschen sich möglichst umfassenden Versicherungsschutz – auch wenn dafür die Beiträge steigen. Dass die Kassen nur das „unbedingt Notwendige“ bezahlen, die Beiträge entsprechend niedrig sind und der Rest privat abgesichert werden kann, will gerade mal ein Viertel akzeptieren. Vor drei Jahren waren das noch 34 Prozent. Gleichzeitig steigt das Interesse an privaten Zusatzversicherungen. Vor vier Jahren erwogen 34 Prozent einen Abschluss, inzwischen sind es 46 Prozent.

In Sachen Reform favorisiert eine klare Mehrheit die von SPD, Grünen und Linkspartei geforderte Bürgerversicherung – also die Einbeziehung aller bislang privat Versicherten ins gesetzliche System. 49 Prozent sind dafür, nur 30 Prozent dagegen. Von den gesetzlich Versicherten drängen 54 Prozent auf solchen Systemwechsel, von den privat Versicherten immerhin 20 Prozent.

Gespalten sind die Bürger bei der Frage, ob man gesundheitsbewusstes Verhalten stärker bei der Leistungsvergabe berücksichtigen soll. 57 Prozent meinen jedoch, dass auf manche Behandlung und Arznei verzichtet werden könnte, wenn die Betroffenen gesünder lebten.

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