Zeitung Heute : Geteiltes Leid

Viel Arbeit, wenig Geld: Die Ärzte klagen – und die Ministerin gibt ihnen Recht

Rainer Woratschka

Der Ärztetag diskutiert über Arbeitsbedingungen und einen Mangel an Medizinern hier zu Lande. Sind am Ende womöglich die Patienten die Leidtragenden – und was muss passieren, damit es nicht so weit kommt?

Ärzte, die für ihre Interessen kämpfen, haben einen Vorteil: Sie können ihr Anliegen als uneigennützig verkaufen. Müssen sie länger arbeiten, werden sie weniger gut bezahlt – immer leidet am Ende der Patient darunter. Potenzielle Patienten aber sind wir alle. Und wer möchte schon schlaftrunkenen Chirurgen, gestressten Notfallmedizinern oder frustrierten Hausärzten in die Hände fallen. Oder hundert Kilometer bis zur nächsten Arztpraxis zurücklegen müssen.

Dass der Vorteil auch zum Nachteil in Sachen Glaubwürdigkeit werden kann, haben die Mediziner in den vergangenen Jahren erfahren. Gejammer vom hohen Ross herab bekamen sie vorgeworfen – und schlicht Reformunwillen attestiert. Nun räumt selbst Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ein, dass es in ländlichen Regionen an Medizinern mangelt. „Ich habe das nie geleugnet“, sagt die SPD-Politikerin beim Ärztetag unter empörtem Delegiertengelächter. Sie äußert auch Verständnis für die Proteste der Klinikärzte, die anständig bezahlt und behandelt gehörten, spricht unverhohlen von bürokratischen „Auswüchsen“. Und gibt zu, für den Ärzteschwund in Kliniken und auf dem Land noch „keine adäquate Lösung“ zu haben.

Tatsächlich hat es Ulla Schmidt schwarz auf weiß. Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe zitiert aus einem Ministeriumsgutachten die Gründe, warum immer mehr Jungmediziner ins Ausland gehen oder zumindest nicht in die Patientenversorgung: Überlastung, wenig Aufstiegschancen, mangelnde Anerkennung, überbordende Bürokratie, geringe Bezahlung. Nur noch 16,4 Prozent der Ärzte sind jünger als 35. In den 90er Jahren war es fast ein Drittel. Und das Durchschnittsalter der Vertragsärzte steigt kontinuierlich, inzwischen liegt es bei 50,5 Jahren.

Vor den Türen des Tagungshotels protestieren die Klinikärzte gegen drohende Mehrarbeit und Gehaltseinbußen – obwohl der neue Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst nur den Besitzstand älterer (Ober-)Ärzte schmälert, den wortreich vermissten Berufseinsteigern hingegen Gehaltszuwächse im zweistelligen Prozentbereich verheißt. Drinnen sagt der Ärztepräsident, dass auch die niedergelassenen Kollegen allen Grund hätten, „eine vergleichbare Protestaktion auf die Beine zu stellen“. Der Sparkurs der Länder sei „knallhart“. Verwaltungsarbeit werde besser bezahlt als das Heilen von Menschen. Patienten könnten „nicht mehr so behandelt werden, wie es nach den Regeln der ärztlichen Kunst geboten wäre“. Hinzu kämen überlange Arbeitszeiten, fehlende Perspektiven, Konkurrenz aus den Kliniken, mehr Bürokratie.

Für den Großteil des Bürokratiezuwachses sei der Gesetzgeber gar nicht verantwortlich, gibt Schmidt zurück. Die Behauptung, dass Ärzte bereits 80 Prozent ihrer Arbeitszeit vor dem Computer verbringen müssten, sei übertrieben. Und unattraktiv seien Kliniken für Jungmediziner auch wegen der dort herrschenden Hierarchien. Ansonsten habe die Regierung viel auf den Weg gebracht: den unterbezahlten Arzt im Praktikum abgeschafft, für neue Arbeitszeitmodelle 700 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. 200 Millionen seien bereits abgerufen. Jetzt seien Krankenkassen und Klinikleitungen gefordert.

Einen weiteren Grund für den Ärztemangel sieht die Ministerin in der Unvereinbarkeit von Medizinerberuf und Familie. Wegen „rücksichtsloser Arbeitsorganisation“ fehlten viele gut qualifizierte Frauen in der Patientenversorgung. Der Anteil weiblicher Medizinstudenten habe sich auf 62 Prozent erhöht – im Beruf sei davon nichts zu finden. Auch deshalb wirbt Schmidt für die, als sozialistische Hinterlassenschaft geschmähten, medizinischen Versorgungszentren. Gerade in der Familienphase sei es hilfreich, im Angestelltenverhältnis und auf Teilzeitbasis arbeiten zu können. Und auch die Patienten profitierten davon. Fotos: Variopress, ddp

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