Getöteter Soldat bei der Bundeswehr : Ein unnötiger Unfall?

Lars Winkelsdorf

Der Tod des 21-jährigen Bundeswehrsoldaten Oliver O. am 17. Dezember im nordafghanischen Pol-e- Khomri hätte möglicherweise vermieden werden können. O. starb durch eine Kugel aus der Waffe eines Kameraden. Der Hauptgefreite, der den tödlichen Schuss abgab, beschrieb die Situation als Unfall. Beim Einführen des Magazins in die Waffe habe dieses geklemmt. Er habe mit der linken Hand „nachgeschlagen“ und mit der rechten Hand eine Reflexbewegung gemacht. Die Tatwaffe war eine Heckler & Koch P8 – eine Pistole.

Nach Recherchen des Tagesspiegels ist es kein unbekanntes Problem, dass sich bei einem bestimmen Ladevorgang und einem heftigen Schlag auf den Magazinboden einer Heckler & Koch P8 unbeabsichtigt ein Schuss lösen kann. Die Bedienungsanleitung der Waffe warnt ausdrücklich, dass dies zu potenziell tödlichen Unfällen führen könne. Doch diese Anleitung kennen die Soldaten der Bundeswehr nicht. Sie werden nach der Dienstvorschrift ZDV 3/15 an der Pistole P8 ausgebildet. Und in eben dieser Vorschrift fehlt unter dem Punkt 623, in dem diese Nachladevorgänge vorgeschrieben sind, ein solcher Warnhinweis völlig.

Vermutlich war es eben diese Verkettung tragischer Umstände und kein Waffenspiel, das diesen Unfall verursachte. Kennt man diese Macke der Pistole nicht und wird davon überrascht, dann kann es anschließend durchaus zu einer Reflexbewegung des Abzugsfingers kommen. Dass die Pistole bei dem Unfall auf den verstorbenen Oliver O. zeigte, erscheint bei dem Versuch der Behebung einer solchen Waffenstörung durch unzureichend ausgebildete Schützen sogar als durchaus möglich. Eine Bitte um Stellungnahme an das Verteidigungsministerium blieb am Mittwoch unbeantwortet.

Dabei sind die Mängel in der Ausbildung bekannt. So beschreibt der Jahresbericht des Wehrbeauftragten aus dem Jahr 2009: „Oftmals, so die Soldaten, beschränke sich die Ausbildung auf eine kurze Einweisung in die Waffenhandhabung und ein kurzes Schießen, wenn eine solche Ausbildung in Deutschland überhaupt stattfinde.“ Dazu gehört auch die P8. Während auf die Beherrschung von Gewehr und Maschinengewehr besonderer Wert gelegt wird, wird die Pistole in der Ausbildung oft vernachlässigt. Durchschnittlich 20 bis 30 Schuss mit dieser Pistole – mehr praktische Ausbildung erhalten junge Soldaten vor ihrem Einsatz nicht. Soldaten befürchten nun, dass ihnen die Pistolen verboten werden könnten. Das, so warnen Ausbilder, wäre katastrophal. „Gerade im Einsatz ist die Pistole manchmal unsere letzte Lebensversicherung. Wir sind auf diese Zweitbewaffnung zwingend angewiesen.“ Lars Winkelsdorf

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