Zeitung Heute : Gewächshaus Schule

Amory Burchard

Die rot-grüne Minderheitsregierung in Schleswig-Holstein steht. Sie will das Schulsystem nach skandinavischem Vorbild reformieren. Was muss jetzt geschehen?

Schleswig-Holstein will sich jetzt auf den „Weg zur Gemeinschaftsschule“ machen, wie er im Koalitionsvertrag mit den Grünen vorgezeichnet ist. Bis zur 9. oder 10. Klasse sollen die Schüler zusammen lernen – mit individueller Förderung und ohne Sitzenbleiben. „Die Gemeinschaftsschule verbindet Leistung und Lebenslust, sie formt starke Persönlichkeiten, die sich auch für andere einsetzen“, heißt es im Schulprogramm, mit dem die Grünen im Norden in den Wahlkampf gezogen sind. Die neue Schule sei Labor, Werkstatt, Gewächshaus und Leistungsschmiede in einem. Die Grünen nennen Finnland, Schweden und Kanada – Länder die beim Pisa-Test deutlich besser abgeschnitten haben als Deutschland – als Vorbilder eines Schulsystems, in dem die Leistungen aller steigen und die besten Schüler noch besser werden.

Jedes Kind soll seinen eigenen Stundenplan bekommen. Konzentriertes Lernen in kleinen Gruppen oder im Klassenverband soll mit Projektarbeit wechseln. Die Lehrer will Schleswig-Holstein mit zusätzlichen Fortbildungen fit machen. Verstärkung sollen sie von Schulassistenten bekommen. Das können Sozialpädagogen oder auch Handwerker sein. Denn „Werkstatt“ ist ganz wörtlich zu nehmen.

Über das Tempo auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule hatten SPD, Grüne und auch der Südschleswigsche Wählerverband (SSW) bis zuletzt gestritten. Die kleineren Partner wollten die neue Schulform schnell und verbindlich einführen, die Sozialdemokraten eher die Widerstände in den überwiegend CDU-dominierten Kommunen und bei Eltern von Gymnasiasten berücksichtigen und auf Freiwilligkeit setzen: Wenn einzelne Schularten in ländlichen Regionen wegen Schülermangels von Schließung bedroht sind, können sie eine Gemeinschaftsschule bilden. Damit hat sich die SPD auch durchgesetzt. Mit einem neuem Schulgesetz wird die Gemeinschaftsschule zum zweiten Halbjahr 2005 zwar als neue Regelschulform eingeführt, aber die bisherigen Schulen sollen nicht unter Vereinigungsdruck gesetzt werden.

Im Koalitionsvertrag hat man sich auf eine schrittweise Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem geeinigt. Damit die ersten Gemeinschaftsschulen zum Schuljahr 2006/2007 ihre Arbeit aufnehmen, gibt es finanzielle Anreize, darunter einen Innovationsfonds und Geld für Schulassistenten. Schulministerin Erdsiek-Rave ist zufrieden: „Es ist der Aufbruch auf einen langen Weg, behutsam aber beharrlich“, sagte sie gestern dem Tagesspiegel.

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