Gewalt gegen Tibeter : Chinas anderes Gesicht

Harald Maass

Egal wie sich die Situation in Tibet in den nächsten Tagen entwickelt, ein Verlierer steht nach den gewaltsamen Protesten bereits fest: Es ist die kommunistische Führung in Peking. Das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die demonstrierenden Mönche – nach unterschiedlichen Berichten sollen mindestens zwei, vielleicht aber auch fast hundert Demonstranten und Unbeteiligte getötet worden sein – zeigt, wie wenig sich China verändert hat. Shanghai und Peking mögen äußerlich heute moderne Weltstädte sein, die sich in einem atemberaubenden Tempo entwickeln und den Eindruck erwecken, das Land habe den Sprung in die Moderne geschafft. An dem politischen System des Einparteienstaats, der notfalls mit Gewalt gegen das eigene Volk vorgeht, hat sich jedoch nichts geändert.

Das harsche Vorgehen in Tibet wirft einen Schatten auf die bevorstehenden Olympischen Spiele in Peking. Wie soll die Welt im Sommer ein Fest des Sports und der Kulturen feiern, wenn in Tibet Panzer ein Volk in Schach halten? Selbst wenn es Pekings Führern gelingen sollte, die Unruhe in den nächsten Tagen durch Ausgangssperren und Festnahmen einzudämmen, ist der Schaden für Chinas Ansehen unumkehrbar. Die Demonstrationen der Mönche haben der Weltöffentlichkeit deutlich gemacht, dass China eben nicht auf dem Weg zu einer demokratischen Öffnung ist, ja, nicht einmal bereit scheint, gegen Widerspruch und irgendeinen Ansatz oppositionellen Denkens und Handelns anders als durch brutalen Einsatz militärischer und polizeilicher Repression vorzugehen. Die chinesische politische Realität wird wohl eher durch das Ergebnis bestätigt, mit dem gerade Staatschef Hu Jintao vom Nationalen Volkskongress im Amt bestätigt wurde – 99,7 Prozent der 2965 Abgeordneten gaben ihm ihre Stimme.

Für Pekings Führer sind die Unruhen eine Quittung ihrer eigenen Politik. Seit Jahrzehnten verhindern sie einen ernsthaften Dialog mit dem Dalai Lama über mehr Selbstbestimmungsrechte der Tibeter. Stattdessen bauten sie darauf, dass sich mit dem Tod des alternden Exil-Führers das Tibetproblem eines Tages von selbst lösen würde. Der aber erfreut sich bester Gesundheit und gilt den Tibetern trotz seines Jahrzehnte währenden Exils noch immer als geistig-religiöser Führer, der den Unmut der Menschen artikuliert. Der gewinnt seine Kraft nicht nur aus der Unterdrückung der tibetischen nationalen, kulturellen und religiösen Eigenständigkeit durch China, sondern auch aus der ungenügenden Versorgungssituation. Tibet ist bitterarm. Und sicher haben die Demonstranten gehofft, dass die Augen der Weltöffentlichkeit sich wenige Monate vor den Olympischen Spielen besonders argwöhnisch und wachsam auf alles richten, was es an Ungereimtheiten in diesem Land gibt.

Nun stecken Pekings Mächtige in der Sackgasse. Hätten sie die Demonstrationen laufen lassen, wäre vermutlich ein politischer Flächenbrand die Folge gewesen. Wenn sie noch härter eingreifen, drohen Proteste aus dem Ausland – möglicherweise sogar ein Olympia-Boykott. Spätestens bei den Bildern von brennenden Autos aus Lhasa werden Chinas Führer sich fragen, ob sie alle Folgen der Ausrichtung olympischer Spiele bedacht haben. Die Reaktionen, auch aus Deutschland und gerade durch die Kanzlerin, zeigen jedenfalls, dass die Welt diese Gewalt nicht schweigend hinnimmt.

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