Gewalt in Südafrika : Zeit für Klartext

Ingrid Müller

Nun gibt es sie auch in Südafrika: Flüchtlingslager. Notunterkünfte für Opfer von Gewalt. Zeltstädte, die auch Touristen rund ums Kap der Guten Hoffnung kaum übersehen können. Plötzlich wird Südafrika verdammt afrikanisch. Das Land, das es Europäern mit seinem sauberen Kapstadt, den weiß getünchten Häusern, der lieblichen Weinregion so leicht macht, sich auf dem vermeintlich wilden und armen Kontinent fast zu Hause zu fühlen. Südafrika wird so, wie Europäer Afrika fürchten.

Südafrika wird so, wie es Afrikaner fürchten. Nach der Hatz auf Schwarze aus anderen Ländern sagen inzwischen sogar viele Flüchtlinge aus Mugabes Terrorstaat, dass sie lieber dorthin zurückgehen, als in Südafrika zu bleiben. Und es gibt eine Debatte. In Afrika. Zeitungen aus Uganda etwa beschimpfen die Südafrikaner, ihr Umgang mit den Fremden habe nicht nur etwas mit Apartheid zu tun, das sei tiefsitzender Rassismus. Viele fürchteten, das südafrikanische Fußballteam, das am Wochenende in Nigeria verlor, könnte dort mit Steinen beworfen werden. Ist es Neid auf die Brüder am Kap, die im Vergleich zu den Nachbarn in unermesslichem Reichtum leben? Sind es Hasstiraden mit explosivem Potenzial? Oder kommt endlich etwas in Gang, was bisher auch unter Afrikanern eher selten ist: Klartext zu reden?

Kritik aneinander, das meiden viele Afrikaner aus falsch verstandenem Stolz. Aus Minderwertigkeitsgefühl. Und sie richten so ihren Kontinent zugrunde. In diese Reihe gehört der mit Anzug und Pfeife so vermeintlich westlich daherkommende Präsident Südafrikas, Thabo Mbeki. Der alle Probleme in seinem Land nicht nur ignoriert, sondern leugnet – Aids, katastrophale Stromausfälle, eskalierende Gewalt. Der durch sein Verständnis für das menschenverachtende Regime des Robert Mugabe in Simbabwe Mitschuld daran trägt, dass diese einstige Hoffnung Afrikas im Desaster endet. Dass dort eigentlich niemand mehr leben will – so dass viele Simbabwer ihr Heil in der Flucht sahen, vier Millionen Menschen kamen nach Südafrika. Mbeki will das Problem wieder nicht sehen.

Also muss Klartext geredet werden. In Afrika. Aber auch von außen. Von allen. Von Dienstagabend an trifft sich der Afrikagipfel des Weltwirtschaftsforums – in Kapstadt. Thabo Mbeki wird dort sein. Es werden auch viele westliche Firmenvertreter dort sein. Von Unilever, von Siemens, von anderen. Werden sie den Mut aufbringen, ihren Gesprächspartnern zu sagen, dass Firmen sich abwenden werden, wenn Vorstädte brennen, wenn Menschen gejagt werden, Angst um ihr Leben haben? Oder werden sie Kritik anderen überlassen, Konferenzhöflichkeiten austauschen und abends einen Pinotage an der Waterfront genießen?

Das wäre fatal. Südafrika hat keine Zeit mehr zu verlieren. Wenn nicht endlich die zwar proklamierte, aber nicht wirklich versuchte Versöhnung in Gang kommt, wenn sich die Menschen nicht auf ihren Staat verlassen können, wenn sie sich selbst bewaffnen, dann kippt das „powerhouse“ des Kontinents. Dann aber schlittert mehr in die Krise als ein weiteres Land. Südafrika ist der einzige Industriestaat weit und breit. Mit ihm könnte es für Afrika aufwärtsgehen. Aber ohne ihn? Viele mögen sagen, dieser Kontinent ist doch längst gestorben. Was aber passiert, wenn der Kontinent meint, ihm werde seine Hoffnung genommen? Was, wenn all die Menschen dort ihre Hoffnung verlieren?

Nicht auszudenken, was geschehen würde, käme die Fifa doch zu dem Schluss, Südafrika die WM 2010 zu entziehen. Ihre Stadien werden sie fertig haben, den Transport der Gäste organisieren. In Deutschland freuen wir uns gerade auf die EM bei unseren Nachbarn, schwärmen wieder von der WM 2006. Da geht es um mehr als das Spiel mit einem Ball. Das hätten wir gern noch mal. Wer in sich hineinhorcht, mag ahnen, welche Vorfreude in Afrika herrscht. Was wäre, wenn die Menschen Angst hätten, ans Kap zu fahren? So weit darf es nicht kommen. Eine Absage würde den Afrikanern ihre Hoffnung rauben.

Deshalb ist es höchste Zeit für Klartext mit Herrn Mbeki. Und mit potenziellen Nachfolgern.

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