Zeitung Heute : Gewalt und Geheimnis

Über den Ursprung der Kriminalliteratur – worin sich deutsche und britische Geschichten unterscheiden

Hans Richard Brittnacher
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Exzentrische Figuren kennzeichnen die angelsächsische Kriminalliteratur. Dazu gehört Miss Marple, dargestellt von Margaret...

George Bernhard Shaw, dem großen Ironiker der viktorianischen Literatur, verdanken wir das gallige Bonmot, dass den Deutschen für zwei Dinge die Begabung fehle: für Revolutionen und den Kriminalroman. Diese Beobachtung ist solange richtig, wie man die angelsächsische Tradition als Maßstab nimmt. Dafür gibt es durchaus gute Gründe, nicht zuletzt die Popularität der Kriminalgeschichten von Arthur Conan Doyle um den Pfeife rauchenden – und gelegentlich Koks schnupfenden – Sherlock Holmes, einen Meister der positivistischen Fährtenlese und der genialen Kombination, oder der Erzählungen von Gilbert Keith Chesterton, in denen der in weltlichen Dingen linkische Father Brown tief in die Seele der schwarzen Schafe seiner Gemeinde zu blicken vermag. Beide Autoren haben gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Standards des kriminalliterarischen Erzählens gesetzt, deren Erfolg eher zum Nachahmen als zur Innovation ermunterte. Gemeinsam ist den genuin angelsächsischen Krimis, denen bald noch die Werke der Ladies of Crime – Agatha Christie und Dorothy L. Sayers – folgten, die Konzentration auf die Figur des Ermittlers: Ob es sich um häkelnde Pastorenwitwen wie Miss Marple oder um Privatiers mit Magenbeschwerden, aber einwandfrei funktionierenden „kleinen grauen Zellen“ wie Hercule Poirot handelt – immer sind es mindestens exzentrische, mitunter sogar skurrile Figuren, deren bemerkenswerte intellektuelle Begabung es ihnen erlaubt, die geheimnisvollen Umstände eines Verbrechens aufzuklären und den Täter zu überführen. Dafür müssen sie zumeist nicht einmal den geliebten Sessel verlassen.

Diese Konzentration auf die Gestalt des Ermittlers erklärt vielleicht Shaws Ressentiments gegen das kriminalliterarische Defizit der Deutschen. Derlei Detektive hat es im deutschen Literaturraum in der Tat nicht gegeben. Hier steht von Anfang an der Täter im Zentrum der literarischen Aufmerksamkeit. Schon hundert Jahre vor den Geschichten von Conan Doyle erschienen Texte unter dem Gattungsnamen „Kriminal-Geschichten“. Gottlieb August Meißner, ein fleißiger Autor der Spätaufklärung, legte sie dem Publikum zu Dutzenden vor: Sie handeln durchweg von Menschen, die eine unglückselige Verkettung von Umständen auf die schiefe Bahn und zuletzt aufs Schafott gebracht hat. Nicht das Rätsel des Tathergangs und auch nicht das Raffinement bei der Überführung des Täters stehen im Vordergrund, sondern die Einsicht in die Kontingenz der Verhältnisse: So kann es kommen, jeden kann es treffen! Tröstlich bleiben diese Geschichten nur im Hinblick auf einen göttlichen Richter, dem es obliegt zu verzeihen, wo das weltliche Gericht nicht anders kann als zu strafen. Diese Erzählung zielten vor allem auf die Erbauung des Lesers, der zum Mitleid erzogen werden sollte.

Damit waren die Koordinaten eines eher wehleidigen als kritischen Erzählens vom Verbrechen vorgegeben, in das Friedrich Schiller 1786 mit seiner Erzählung vom „Verbrecher aus verlorener Ehre“ einen neuen Ton brachte. Das Zusammenspiel von Armut, äußerer Hässlichkeit, menschlicher Niedertracht und behördlicher Ignoranz treibt Christian Wolf, den Anti-Helden der Geschichte, in einer Spirale aus vorenthaltener und dann mit Gewalt ertrotzter Anerkennung immer weiter ins soziale Abseits. Erst noch ein ehrenwerter Wilddieb, der die Wildschweine schoss, die zwar dem Landesherrn gehörten, aber dem Bauer die Äcker verwüsteten, wird er schließlich zum Mörder seines Nebenbuhlers und zum Outlaw, der einer ganzen Gesellschaft den Krieg erklärt. Als er erkennen muss, dass er auch unter den Ausgestoßenen keinen Frieden finden, nicht einmal im Kampf für das Vaterland sterben darf, liefert er sich freiwillig der Gerichtsbarkeit aus. Schiller hat seine Erzählungen mit einigen grundsätzlichen Überlegungen eingeleitet, die vom anthropologischen Reichtum und vom polemischen kritischen Impetus des Aufklärungszeitalters zeugen: Er will nach dem Vorbild der „Erfahrungsseelenkundler“ mit seiner Erzählung einen Blick in die Seele des Täters werfen, ihn seine Handlung nicht nur begehen, sondern auch wollen sehen, und er fasst mit dem kritischen Blick des Aufklärers auch die veränderlichen Strukturen der Gesellschaft ins Auge, die sich in der Gestalt von trostlosen Außenseitern wie Christian Wolf ihre eigenen Verbrecher selbst ausgebrütet hat. Wenn Christian Wolf sich am Ende stellt, rechtfertigt dies nicht nachträglich das Urteil der Gesellschaft, die ihn verstoßen hat, sondern zeigt die Überlegenheit eines unantastbaren Sittengesetzes, das auch in der Brust des Mörders wirkt. Schande über eine Gesellschaft, die einen wie Christian Wolf nicht hatte retten können!

Schillers Erzählung entstand wie die Meißners im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, zu einer Zeit sozialer Verwerfungen, in der die Werte und Orientierungen des Ancien Régime zur Diskussion standen – in einer Situation der „Anomie“, in der alte Normen ihre Gültigkeit verloren, die neuen noch keine hinreichende Prägekraft entfalten konnten. In solchen Situationen fällt der Literatur die Aufgabe zu, ihre ganze integrative Kraft auszuspielen, um den Skandal des Verbrechens zu relativieren, mit den Mitteln der Erzählung jene Sicherheiten herzustellen, die alltäglich so empfindlich fehlen. Schillers Geschichte gelingt dies, indem sie institutionelle Fehler namhaft macht, die sich korrigieren lassen, und an die anthropologische Dignität des Menschen erinnert, die sich auch unter widrigsten Umständen bewährt. Kriminalliteratur mindert aber nicht nur die Ängste eines desorientierten Zeitalters, sie dient auch der sozialen Prophylaxe: Die Einsicht in die Genese der Gewalt verhindert künftige Verbrechen.

Die englischen Kriminalgeschichten sind im Unterschied zu den deutschen zugleich harmloser und frivoler: Eine reiche Erbtante wird tot in der von innen verschlossenen Bibliothek des Adelssitzes aufgefunden, ein spleeniger Detektiv verhört Personal und Angehörige, die alle Grund hatten, der Verblichenen den Tod gewünscht zu haben. Durch Deduktion und Kombinatorik wird das Geheimnis gelöst, wie der Schlüssel von außen nach innen und die Tante vom Leben zum Tod gelangte. Das Verbrechen hat die Ordnung beleidigt, die Rekonstruktion der Tat und die Überführung des Täters versöhnt sie wieder. Es spricht nichts dagegen, die angelsächsische Kriminalgeschichte in die Nähe einer Denksportaufgabe zu stellen, die deutsche in die Nähe der Schicksalsnovelle. Die eine sucht nach dem Schuldigen, die andere fragt nach der Schuld. Der Vermeidung von Kontingenz dienen beide.

Der Autor ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität.

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