Gewalt und Gesellschaft : Wirklich schwer zu ertragen

Eine abscheuliche Tat, aber auch eine abscheuliche Tatbeschreibung. Es ist einer dieser Fälle, die zur Beschäftigung mit dem Ungeheuerlichen zwingen: mit grenzenloser Gewaltbereitschaft jenseits der eigenen Vorstellungskraft – und mit den Grenzen gesellschaftlicher Sicherheit und Vergeltung.

Lorenz Maroldt

Das Stück „Der Kick“ ist nur schwer zu ertragen. Der Dokumentarfilmer Andres Veiel verarbeitet darin den Foltermord von Potzlow aus Gesprächen mit Beteiligten und Betroffenen zu einem beklemmenden Psychogramm. Drei junge Männer hatten 2002 in dem uckermärkischen Dorf einen Jugendlichen entsetzlich gequält; schließlich zwangen sie ihr Opfer, das für sie „linksorientiert“ war, in die Kante eines steinernen Futtertrogs zu beißen. Marcel S. sprang dem Jungen mit seinen schweren Stiefeln in den Nacken. Nur noch Matsch sei der Kopf seines Opfers am Ende gewesen, sagte Marcel S. vor Gericht. Im vergangenen Sommer wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen. Die Wirklichkeit ist manchmal schier unerträglich.

Die Täter von Potzlow kannten den Tritt auf den Hinterkopf aus dem Film „American History X“, in dem ein Neonazi auf ähnliche Weise einen Schwarzen an einer Bordsteinkante tötet. Auch die Täter von Friedrichshain, polizeibekannte Rechtsextremisten, die am vergangenen Sonntagmorgen einen jungen Mann lebensbedrohlich verletzten, legten ihr Opfer vor dem finalen Tritt mit dem Gesicht auf den Gehweg.

Eine abscheuliche Tat, aber auch eine abscheuliche Tatbeschreibung. Es sind die bekannt gewordenen Details dieses Verbrechens, das es heraushebt aus der Masse der Gewaltkriminalität, die zumeist als Randnotiz hingenommen wird – und es ist der Hinrichtungscharakter, der zusätzlich schockierend wirkt. Statistik ist abstrakt: tausende Taten, mal ein paar mehr, mal weniger; so entsteht keine Empathie für die Opfer. Doch das hier, konkret, löst eine Kettenreaktion der Gefühle aus: Entsetzen, Mitleid, Wut. Man will es so genau gar nicht wissen, und schaut doch hin. Es ist einer dieser Fälle, die zur Beschäftigung mit dem Ungeheuerlichen zwingen: mit grenzenloser Gewaltbereitschaft jenseits der eigenen Vorstellungskraft – und mit den Grenzen gesellschaftlicher Sicherheit und Vergeltung.

Dazu gehört auch die Prüfung eigener Wahrnehmung und Relativierung, dazu gehört auch das Erschrecken über die Macht des Zufalls. Der islamophobe Mord an einer kopftuchtragenden Ägypterin in einem Dresdner Gerichtssaal hat die deutsche Öffentlichkeit weniger aufgewühlt als der Familienmord an einer kopftuchverweigernden Deutschen kurdischer Herkunft an einer Berliner Bushaltestelle. Die Gewaltorgie Schweizer Schüler in München, die auch einen Behinderten brutal gegen den Kopf traten, wird eher wie ein Kuriosum verbreitet; als ebenfalls in München zwei junge Migranten in der U-Bahn einen Rentner an den Rand des Todes traten, wurde dies zum Politikum. Das allein mit Kulturrassismus erklären zu wollen, wäre indes ein Kurzschluss; Informationen und Gefühle folgen nicht immer nur Vorurteilen. Auch hier spielt der Zufall seine Rolle, wie bei jeder Messerstecherei. Zwischen Fleischwunde und Exitus, zwischen Körperverletzung und Totschlag liegt hier oft nur ein Zentimeter. Ein Bier mehr im Club hätte Täter und Opfer in Friedrichshain zeitlich aneinander vorbeigeführt. Unheimlich auch das.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Tätern von Friedrichshain einstweilen versuchten Totschlag vor, nicht, wie in den Fällen aus München, versuchten Mord. Das mag taktische Gründe haben. Ermittelt wird jedenfalls auch gegen das Opfer. Der Mann soll zu einer Gruppe junger Linker gehören, die zuvor die späteren Täter verletzten. – Die Wirklichkeit ist manchmal nicht nur schwer zu ertragen; manchmal ist sie auch schwer zu ergründen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben