Zeitung Heute : Gewebe nach Maß aus dem Labor

HARTMUT WEWETZER

"Wissenschaft vor Politik": unter dieser Überschrift veröffentlichten 73 Forscher, darunter 67 Nobelpreisträger, in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift "Science" am 19.März einen Brief, in dem sie für die Förderung der Erforschung menschlicher Stammzellen durch die amerikanische Regierung eintraten.Diese Forschung könne die Behandlung vieler Krankheiten revolutionieren.Mit ihrem Schreiben reagierten die Wissenschaftler auf eine Attacke von 70 Politikern des Kongresses.Die wiederum sehen in der staatlich geförderten Stammzell-Forschung die "Ausbeutung des Menschen im Namen des medizinischen Fortschritts".

Für Wissenschaft und Medizin haben menschliche Stammzellen ein verlockendes Potential.Das wurde spätestens am 6.November 1998 deutlich, als James Thomson von der Universität von Wisconsin ebenfalls in "Science" über die Zucht embryonaler menschlicher Stammzellen berichtete.Diese Zellen entstammten Embryonen, die für die Reagenzglasbefruchtung vorgesehen waren, aber nicht mehr benötigt wurden.

Es gelang Thomson, die Stammzellen zu vermehren.Aus ihnen entwickelten sich später viele verschiedene Gewebearten, unter anderem Darmschleimhaut, Knorpel, Knochen, Muskel und Nervengewebe.Stammzellen haben sich noch nicht spezialisiert und sind entwicklungsfähig.Sind sie totipotent, kann sich zumindest theoretisch aus jeder von ihnen ein kompletter Mensch entwickeln; sind sie pluripotent, können sie sich immerhin noch in jede der rund 210 Zelltypen des menschlichen Körpers entwickeln.Außerdem sind embryonale Stammzellen unsterblich und unbegrenzt vermehrungsfähig.

Zumindest in der Phantasie mancher ihrer Fürsprecher sind Stammzellen so etwas wie ein biologischer Jungbrunnen.Denn ihr größtes Potential liegt in der Gewebezüchtung.Stammzellen könnten als Quelle für Ersatzgewebe und -organe benutzt werden.Dem kranken Herz könnte mit "frischem" Muskelgewebe auf die Sprünge geholfen werden; das bei der Schüttellähmung (Parkinson-Krankheit) ausgefallene Hirnareal könnte durch neue Nervenzellen ersetzt werden; eine Rückenmarksdurchtrennung überbrückt werden, eine Verbrennung durch intakte Haut geheilt, abgeriebener Knorpel durch frischen ersetzt werden ...Den Visionen sind kaum Grenzen gesetzt, wenn es gelingen sollte, aus dem Alleskönner namens Stammzelle einen Spezialisten für alle Fälle zu machen.

Während Stammzellen als universales Flickmaterial noch Utopie sind, ist ihre Bedeutung für die Wissenschaft bereits heute nicht zu unterschätzen.An ihnen läßt sich studieren, wie sich aus einer befruchteten Eizelle ein Organismus entwickelt - und welche Ursachen Fehlsteuerungen und Krankheiten im Organismus haben.

Handfeste Helfer könnten Stammzellen sein, wenn es darum geht, neue Arzneien zu entwicklen.An ihnen könnte Nutzen und Nachteil neuer Wirkstoffe getestet werden.Bis Stammzellen zum "Allheilmittel" geworden sind, müssen aber noch beträchtliche Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden.Eine besteht darin, daß nach Möglichkeit embryonale Stammzellen des kranken Patienten benutzt werden sollten - die aber besitzt ein dem Embryoalter entwachsener Mensch nicht mehr.Ein Ausweg aus dem Problem könnte das "therapeutische Klonen" sein.Dabei wird der Zellkern aus der Körperzelle eines Patienten in eine entkernte Eizelle eingepflanzt.Aus dem heranwachsenden Embryo werden in einem frühen Stadium Stammzellen entnommen, die zur Therapie benutzt werden.Doch zeigt das Beispiel überdeutlich, welche ethischen Probleme mit den embryonalen menschlichen Stammzellen auf uns zukommen.Denn der "therapeutische Klon" hat zumindest theoretisch die Fähigkeit, sich zu menschlichen Wesen zu entwickeln.

"Therapeutisches Klonen" ist in Deutschland verboten, weil es gegen das Embryonenschutzgesetz verstößt.Als namhafte Vertretung der Wissenschaftler hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft nun mitgeteilt, daß gegenwärtig aus ihrer Sicht kein Grund dafür bestehe, diese Rechtslage zu ändern.Sie hat sich für eine Kommission ausgesprochen, die Forschungsvorhaben mit Stammzellen überwachen soll.Auch wenn die Weichen für die Medizin von morgen heute gestellt werden: auf öffentlichen Widerspruch werden sich die Stammzell-Therapeuten einrichten müssen - nicht nur bei uns, wie das Beispiel USA zeigt.

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