Gewerkschaften : Das Verschwinden des Jimmy Hoffa

1,5 Millionen Arbeiter in den USA hörten auf sein Wort. Die Nähe zur Mafia brachte ihn zu Fall. Seit Jahrzehnten wird seine Leiche gesucht. Zum 100. Geburtstag des legendären Gewerkschaftsbosses.

Nähe zur Mafia: Das Bild zeigt Hoffa mit dem Mafioso Anthony Provenzano (r.).
Nähe zur Mafia: Das Bild zeigt Hoffa mit dem Mafioso Anthony Provenzano (r.).Foto: dapd

Die skurrilste Variante dieser seltsamen Geschichte spielt in Japan. Erzählt hat sie ein Auftragskiller, er trug einst den Künstlernamen Iceman und verdiente sein Geld bei der Mafia. Kurz vor seinem Tod also beichtet der Iceman, er habe in den jungen Jahren seiner Karriere in Detroit einen Gewerkschafter ermordet, die Leiche im Auto durch die Schrottpresse gejagt und das Altmetall dann an ein japanisches Autowerk verkauft.

Fährt Jimmy Hoffa seit bald 38 Jahren als recycelter Kotflügel durch Tokio?

Am 14. Februar jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag des Mannes, den der Iceman 1975 ermordet haben will und der einmal Herr über alle Lastkraftwagen der USA war. Jimmy Hoffa. Präsident der Teamsters, der allmächtigen Transportarbeiter-Gewerkschaft. Gebieter über zehn Millionen Lkw, die Tag für Tag die Versorgung der Nation garantierten. Jimmy Hoffa ist eine amerikanische Legende wie Elvis Presley oder Charles Lindbergh.

Seit seinem mysteriösen Verschwinden auf einem Parkplatz bei Detroit am 30. Juli 1975 rätselt die amerikanische Öffentlichkeit, was mit Hoffa passiert ist und wo sein Grab sein könnte. Mal wird es in Japan verortet, dann in einem Sumpf in Florida oder im Giants Stadium von New Jersey, wo ziemlich genau an der Touchdownlinie ein Mini-Hügel auf dem Rasen jahrelang die wüstesten Gerüchte förderte. Die einen sagen so, die anderen sagen so, und alle zusammen wissen es ganz genau.

Hoffas Verschwinden ist für die Amerikaner, was für die Franzosen das Schicksal von Antoine de Saint-Exupéry ist und für die Deutschen der Tod von Uwe Barschel. Es ist eine Geschichte mit vielem, was Amerika ausmacht. Vom Aufstieg des kleinen, ungelernten Arbeiters, von der Macht der Gewerkschaften, vom Einfluss der Mafia, und natürlich spielen auch die Kennedys mit. Justizminister Robert F. Kennedy hat Hoffa vor Gericht und ins Gefängnis gebracht, und es finden sich auch Gewährsleute für die Theorie, Jimmy Hoffa habe die Ermordung von Präsident John F. Kennedy angeordnet.

Das Leben des James Riddle Hoffa, den seit frühester Kindheit jeder nur Jimmy nennt, beginnt in Detroit. 1920, mit sieben Jahren, verliert er seinen Vater, mit 14 muss er die Schule verlassen und sich als Gelegenheitsarbeiter durchschlagen. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn Jimmy Hoffa ist nicht zimperlich beim Austragen von Konflikten, und davon gibt es reichlich. Bei der Kroger Food Company schleppt er für einen Stundenlohn von 32 Cent Kisten und erkennt schnell, über welche Macht die Arbeiter verfügen, wenn sie denn nur zusammenhalten. Hoffa ist 19, als er seinen ersten Streik organisiert. Weil die Geschäftsleitung fürchtet, das Obst in ihren Kisten könne verfaulen, knickt sie ein und akzeptiert eine Lohnerhöhung auf 45 Cent. Das ist im Jahr 1932 Jimmy Hoffas erster Erfolg, und beinahe wäre es auch sein letzter gewesen. Er steht jetzt auf einer schwarzen Liste. Als Hoffa den nächsten Streik organisiert, findet sich schnell ein Vorwand, um den Unruhestifter auf die Straße zu setzen.

Jimmy Hoffa kehrt nicht mehr zurück in die Lagerhäuser an den Docks des Detroit River. Die von ihm organisierten Streiks bei der Food Company sind Bewerbungsunterlagen für seine Lebensaufgabe. Als Hoffa seinen ersten Gewerkschaftsjob bei der „International Brotherhood of Teamsters“ antritt, ist das noch ein überschaubarer Verein mit knapp 100 000 Mitgliedern. Hoffa macht aus den Teamsters eine der größten und mächtigsten Einzelgewerkschaften der Welt. Auf dem Höhepunkt seiner Macht hören 1,5 Millionen Arbeiter auf sein Wort.

Die Arbeit im Büro behagt ihm nicht so sehr. Jimmy Hoffa ist ein Mann der Tat. Bevorzugt in den Abendstunden drückt er sich auf den Fernstraßen herum und auf den großen Autohöfen. Er bezieht kein festes Gehalt, sondern lebt von den Provisionen für neu geworbene Gewerkschaftsmitglieder. Hoffa unterhält Kolonnen von Schlägern, deren Argumente zögernde oder unwillige Arbeiter noch immer überzeugen. Auch vor Auftragsmorden und Bombenattentaten schrecken seine Leute nicht zurück.

Jimmy Hoffa hat eine eingedrückte Nase und schiefe Schneidezähne, er trägt graue Anzüge von der Stange und sein Körpergeruch raubt seinen Gefolgsleuten den Atem. Aber er hat etwas, was die eleganter daherkommenden Funktionäre nicht haben. Jimmy Hoffa hat Charisma. Er kann reden, frei und laut und in einem Ton, der ankommt bei den Arbeitern. Er ist einer von ihnen. Weil er bei handgreiflichen Auseinandersetzungen mit der Polizei oder bewaffneten Streikbrechern immer in der ersten Reihe marschiert, ist Hoffa bald der populärste Gewerkschafter von Detroit. 1946 wird er Präsident der Ortszelle „Local 299“, er macht sie im ganzen Land bekannt.

Hoffa prahlt damit, er „habe so viele Hiebe mit Knüppeln und Totschlägern bekommen, dass ich nicht mehr weiß, wo alle meine Wunden sind.“ Einmal wird er während eines einzigen Streiks 18 Mal verhaftet und kehrt doch jedes Mal aus dem Polizeigewahrsam sofort wieder zu seinen Leuten zurück, selbstverständlich in die erste Reihe. Dort, wo es wehtut und die Pressefotografen mit ihren Kameras warten.

Neben seiner höchst öffentlichkeitswirksamen Agitation versteht Hoffa sich aber auch auf Geschäftsbeziehungen, bei denen Verschwiegenheit höchstes Gebot ist. Über eine ehemalige Freundin lernt er Frank Coppola kennen. Coppola ist ein Detroiter Mobster, so werden die Leute von der Mafia genannt. Die Ehrenwerte Gesellschaft steht in den 30er Jahren bei Streiks noch oft aufseiten der Unternehmer, denen sie bei Bedarf prügelnde Streikbrecher vermittelt. Hoffa überzeugt Coppola zu einem Geschäft von gegenseitigem Nutzen. Die Mafia lässt die Teamsters in Ruhe und bekommt im Gegenzug Zugriff auf Lagerhäuser oder Lkw, die sie nach Belieben ausplündern kann. Es ist der erste Schritt in eine andere Welt. Sie wird ihm später zum Verhängnis werden.

Erst einmal aber steigt Hoffa bei den Teamsters immer weiter auf. Er intensiviert die Zusammenarbeit mit dem organisierten Verbrechen und weitet seinen Einfluss aus, nach Miami, San Francisco und New York. Unter der schützenden Hand der Mafia installiert Hoffa ein System, das allein seinen Gefolgsleuten den Zugriff auf Jobs im Transportgeschäft sichert. Die Arbeiter lieben ihn dafür und wählen ihn 1957 zum Präsidenten der Teamsters. Jimmy Hoffa ist auf dem Gipfel seiner Macht.

Doch der Abstieg hat schon begonnen.

In Washington wird der wachsende Einfluss der Teamsters mit einigem Unbehagen registriert. Der Senat richtet einen Unterausschuss zur Untersuchung der undurchsichtigen Geschäfte der größten Gewerkschaft des Landes ein. Robert Kennedy dient dem Ausschuss als Chefberater und macht es sich zur Aufgabe, Hoffa vor Gericht zu bringen. Ein New Yorker Anwalt vertraut Kennedy an, Jimmy Hoffa habe sich mit einer delikaten Mission an ihn gewandt: Er solle sich vom Ausschuss als Rechercheur anwerben lassen und dabei das gegen die Teamsters angehäufte Beweismaterial ausspionieren. Der Anwalt geht zum Schein auf das Angebot ein und lässt sich bei der Übergabe von 200 000 Dollar Bestechungsgeld vom FBI observieren.

Vor Gericht wird Hoffa aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Sorglos widmet er sich seinen Geschäften und gründet mit dem Geld der Gewerkschaft eine Pensionskasse, mit der Schmiergelder und großzügige Kredite an seine Geschäftspartner aus der Mafia finanziert werden. Kennedy lässt nicht locker und führt die Jagd auch nach seiner Ernennung zum Justizminister 1961 weiter. Beim zweiten Prozess besticht Hoffa die Geschworenen, vor dem dritten ist sich Kennedy so sicher, dass er behauptet: „Wenn er diesmal nicht verurteilt wird, springe ich vom Capitol!“ Nach dem dritten Freispruch schickt ihm Hoffas Anwalt einen Fallschirm ins Ministerium.

1964 ist das Spiel aus. Kennedy platziert einen Maulwurf im inneren Zirkel der Teamsters, der Prozess wird neu aufgerollt und Hoffa zu 13 Jahren Haft verurteilt. Drei Jahre lang wehrt er sich mit allen juristischen Tricks und muss doch 1967 die Strafe antreten. Die Teamsters begleichen die Anwalts- und Gerichtskosten, sie ernennen Hoffa auf Lebenszeit zum Präsidenten im Ruhestand und erhöhen sein Jahresgehalt von 75 000 auf 100 000 Dollar. Hoffa will die Fäden auf keinen Fall aus der Hand geben. Noch aus dem Gefängnis heraus bestimmt er seinen alten Gefolgsmann Frank Fitzsimmons als Statthalter.

Vier Jahre sitzt er im Gefängnis von Lewisburg/Pennsylvania ab, dann begnadigt ihn der neue US-Präsident Richard Nixon, dessen Wahlkampf die Teamsters großzügig unterstützt haben. Die Entlassung ist gekoppelt an die Auflage, zehn Jahre lang auf die Präsidentschaft bei den Teamsters zu verzichten. Doch Hoffa denkt nicht daran, sich zurückzuziehen. Zurück in Detroit mobilisiert er von seinem „Local 299“ aus die Basis für eine Wiederwahl. Seine Popularität ist ungebrochen. Die Lkw-Fahrer haben nicht vergessen, wem sie höhere Löhne und die besseren Arbeitsbedingungen verdanken. Von Korruption, Bestechung und Mafiakontakten wollen sie nichts wissen.

Doch die Zeiten sind nicht mehr dieselben. Fitzsimmons hat Gefallen an seinem Job gefunden und die Mafia Gefallen an Fitzsimmons. Der bedächtige Funktionär ist ein pflegeleichterer Partner als der machtbesessene Hoffa, der den Mobstern immer mehr als gefährlicher Mitwisser erscheint. Drei Jahre lang kämpft Hoffa um sein Comeback, und als ihm auf höchster Ebene die Gefolgschaft verweigert wird, greift er zum letzten Mittel. Jimmy Hoffa will auspacken.

Vorher aber verabredet er sich zu einem letzten Gespräch mit einem Gewerkschafter und einer lokalen Mafiagröße beim Lunch. Am 30. Juli 1975 fährt Jimmy Hoffa, inzwischen 62 Jahre alt, zum Restaurant „Machus Red Fox“ in Bloomfield Hills bei Detroit. Er plaudert mit der Bedienung, führt zwei Telefongespräche und geht wieder zu seinem Auto. Um 14.30 Uhr wird Jimmy Hoffa auf dem Parkplatz vor dem Restaurant zum letzten Mal gesehen.

Zwei Tage später nehmen 200 Polizisten die Fahndung auf. In Hoffas Auto, es steht immer noch auf dem Parkplatz, finden sich Spuren, die zu einem engen Vertrauten führen. Die Fährte verliert sich im Nichts, wie auch die sechsmonatige Untersuchung einer Grand Jury und die vielen anderen Hinweise und Theorien und Spekulationen. Am 30. Juli 1982, auf den Tag genau sieben Jahre nach seinem Verschwinden, wird Jimmy Hoffa offiziell für tot erklärt.

Und doch lässt Jimmy Hoffa die Amerikaner bis heute nicht los. Noch im September letzten Jahres ließ die Polizei nach einem Tipp eine Garagenauffahrt in einem Detroiter Vorort umgraben, in den Bodenproben fanden sich allerdings keine menschlichen Spuren. Im Januar dieses Jahres meldete sich Tony Zerelli zu Wort, einst Detroiter Mafia-Pate, der respektvoll „the Boss“ genannt wurde. Zerelli reklamiert für sich, ganz genau zu wissen, wo Hoffas Leiche vergraben wäre, ohne freilich mit der Sache zu tun haben zu wollen. Den Beweis blieb er erst einmal schuldig,

Kulturell hat sich der Fall als zeitloser Klassiker verselbstständigt. In zwei Folgen der Zeichentrickserie „Die Simpsons“ gibt es Wortspielchen mit Bezug auf Hoffa. In der Slapstick-Komödie „Die nackte Kanone 33 1/3“ fischt Lieutenant Frank Drebin aus dem Karteikasten „Weniger wichtige Fälle“ die Akten „Die Wahrheit über das Kennedy-Attentat“ und „Fundort von Jimmy Hoffas Leiche“. Und in James Camerons „Titanic“ spekuliert der Schatzsucher, der von ihm gesuchte Diamant liege vielleicht in Jimmy Hoffas Aktentasche.

Und dann ist da noch Jack Nicholson. 1992, da ist Hoffa schon seit 17 Jahren verschwunden, leiht ihm der Oscar-Preisträger im Kino sein Gesicht. „Jimmy Hoffa“ ist ein pathetischer Film voller Verehrung und ohne jede Distanz zu einem Helden, der für die Sache brennt und nichts Böses im Sinn hat. Nicholson findet das gut so: „Ich hatte Monate Zeit, während der Dreharbeiten mit alten Teamsters zu reden. Deren Idol ist kein Kennedy, sondern immer noch Hoffa.“

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