Zeitung Heute : Gewerkschaften und einzelne Minister äußern sich kritisch

Der Beschluss der Kultusministerkonferenz, den Ländern mehr Spielraum in der Gestaltung des Abiturs und der gymnasialen Oberstufe einzuräumen, ist auf ein geteiltes Echo gestoßen. Die Kultusminister betrachten diese Öffnung als Probe aufs Exempel für die eigene Reformfähigkeit. Sie wollten nicht mehr als Bremser für Neuerungen in Deutschland gelten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisierte dagegen den Beschluss, weil sich das Schulwesen in Deutschland jetzt weiter auseinander entwickeln werde. Bei einer Schulpolitik nach dem Motto "alles ist möglich" sollten die Kultusminister Schülern und Eltern nach einem Umzug in ein anderes Bundesland künftig den notwendigen Nachhilfeunterricht bezahlen, damit sie den Anschluss an die dort üblichen anderen Lernbedingungen in der gymnasialen Oberstufe fänden.

Der eher konservativ ausgerichtete Deutsche Lehrerverband kritisierte durch seinen Vorsitzenden Josef Kraus: Die Möglichkeit,gewisse Standards beim Abitur zu unterlaufen, werde durch die jetzt beschlossene Liberalisierung größer. Kraus befürchtet, dass es zwischen den Bundesländern zu einer Gerechtigkeitslücke kommen könnte. Wenn es jetzt die Kultusminister den Ländern freistellen, ob sie ein fünftes Prüfungsfach im Abitur einführen wollten, dann sei es ungerecht, wenn Schüler mit einem "niedrigeren Abitur-Niveau" die gleiche Zulassungsberechtigung zum Studium hätten wie Schüler, die strengere Anforderungen erfüllen müssten. Denn nur bestimmte Länder würden den Spielraum für ein fünftes Prüfungsfach nutzen.

Die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier hat ihre Ministerkollegen in den Ländern aufgefordert, die Leistungsanforderungen im Abitur jetzt deutlich zu erhöhen. Die Länder sollten nicht mehr um das "Mindestmaß der Anforderungen", sondern im Gegenteil um die "besten Qualitätsstandards" miteinander konkurrieren. Das von der CSU regierte Bayern will jetzt das fünfte Prüfungsfach im Abitur einführen. Sachsen dagegen, das von der CDU regiert wird, verzichtet auf das fünfte Prüfungsfach als verpflichtend und stellt es weiterhin den Schülern frei, wie bisher ein solches fünftes Prüfungsfach einzubringen, etwa durch die Vorlage einer Jahresarbeit oder einer Sonderleistung wie "Jugend forscht".

Bisher waren vier Fächer in der Abiturprüfung obligatorisch, und zwar drei für die schriftliche und mindestens eines für die mündliche Prüfung. Jetzt können auch fünf Fächer im Abitur geprüft werden. Drei Fächer mussten während der gesamten Oberstufe bis zum Abitur durchgehend belegt werden,durften also nicht mehr abgewählt werden. Diese drei Fächer sind Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache.

Die Kultusministerin aus Baden-Württemberg, Annette Schavan war bei der Kultusministerkonferenz mit ihrem Vorschlag nicht durchgedrungen, auf die Leistungskurse in der Oberstufe ganz zu verzichten und dafür die Grundkurse für alle aufzuwerten. Die Kultusminister entschieden sich stattdessen dafür, die Zahl der Unterrichtswochenstunden in der Oberstufe bei den Leitungskursen von fünf auf vier zu reduzieren. Die dadurch gewonnene Zeit soll den Grundkursen und der Vermittlung von mehr Allgemeinwissen zugute kommen. Trotz dieses Kompromisses sieht Frau Schavan jetzt die Chance, dass durch die Änderungen wieder feste Lerngruppen in der Oberstufe gestärkt werden.

Außerdem wollen es die Kultusminister begabten Schülern ermöglichen, vorzeitig die Qualifikationsphase der letzten beiden Jahre vor dem Abitur zu erreichen, indem sie die Einführungsphase während der elften Klassenstufe überspringen. Damit könnten sie eine Verkürzung der Schulzeit bis zu einem Jahr erreichen.

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