Zeitung Heute : Gewinnen und verlieren

Andreas Austilat

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

In den Ferien komme ich ja immer groß raus. Dann spielen wir, ich und die Kleine, den ganzen Tag. Theoretisch wenigstens. Leider zeigen sich aber gerade in solchen Momenten, in denen es doch am schönsten sein soll, kleine charakterliche Defizite. Wir können nämlich nicht so gut verlieren, die Kleine und ich. Und die Herausforderung, die suchen wir auch. Weshalb es sowieso nichts nutzen würde, wenn ich mich freiwillig auf verlorenen Posten begäbe. Das würde sie merken. Ein geschenkter Sieg ist aber kein schöner Sieg.

Doch wo sind die Spiele, bei denen Kleine gegen Große eine echte Chance haben? Schach? Noch ein bisschen früh für Siebenjährige. „Mensch ärgere dich nicht“? Das ödet uns beide schnell an. „Memory“? Nicht schlecht. Zeigt sich doch beim „Memory“ bekanntermaßen, dass die Gedächtnisleistung Erwachsener erschreckend nachlässt, Lücken, die Kinder gnadenlos ausnutzen. Aber immer nur Kärtchen aufdecken, da fehlt die Rasanz, da fehlt das Drama, das hält uns auch nicht mehr lange am Tisch. Wir brauchen neuen Stoff, und ich glaube, ich habe ihn gefunden.

Der Tipp heißt „Dicke Luft aus der Gruft“ und kommt vom Münchner Spielehersteller Zoch. Der Titel klingt merkwürdig, aber das galt für „Zicke Zacke Hühnerkacke“ aus dem gleichen Hause auch. Und „Zicke Zacke“ ist ein Hammer. Nun aber zur „Dicken Luft“, das übrigens von einer Kritikerjury auf die Auswahlliste zum „Spiel des Jahres 2004“ gesetzt wurde. Zwei bis sechs Vampire müssen sich dabei rechtzeitig eine Gruft suchen und sie blickdicht verschließen. Hier liegt auch der einzige Schönheitsfehler des ansonsten sorgfältig verarbeiteten Spiels: Die Sargdeckel verrutschen leicht von der Grube, da muss man höllisch aufpassen, dass nicht geschummelt wird. Beim Spiel selbst kommt es vor allem auf ein gutes Gedächtnis an. Gut, das ist bei „Memory“ nicht anders, aber hier kann man dem Gegner zusätzlich Schwierigkeiten in den Weg legen, die es vorauszuplanen gilt. Und das eröffnet taktisch versierten, aber vergesslichen Mitspielern eine Chance.

Unsere persönliche Bilanz nach drei Spielen: Klein schlägt Groß zwei zu eins. Aber es war wirklich ziemlich knapp.

„Dicke Luft aus der Gruft“, Zoch GmbH, circa 30 Euro, zum Beispiel bei „Spielbrett“, Berliner Straße 132 in Wilmersdorf.

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