Gewinner des Sonderpreises : Firmenwagen mit sechs km/h

Gabriele Stepputat arbeitet als Kundenberaterin bei den Berliner Stadtreinigungsbetrieben. Ihr Büro ist ganz auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten, im Haus ist sie mit dem Elektromobil unterwegs.

Hier passt alles. Gabriele Stepputat in ihrem speziell für sie ausgestatteten Büro bei der BSR. Früher arbeitete sie als Funk- und Fernsehmechanikerin, doch der Stress war zu groß.
Hier passt alles. Gabriele Stepputat in ihrem speziell für sie ausgestatteten Büro bei der BSR. Früher arbeitete sie als Funk- und...Foto: Mike Wolff

Ob Gabriele Stepputat im Haus ist, können ihre Kollegen von den Berliner Stadtreinigungsbetrieben schon sehen, sobald sie das Gebäude in der Gradestraße 73 in Neukölln betreten. Wenn gleich hinter der Tür ein kleiner dunkelroter Flitzer parkt, ist die Kundebetreuerin noch nicht im Dienst. Denn Gabriele Stepputat bewegt sich während der Arbeit mit ihrem „Firmenwagen“ fort, einem Elektromobil – die Spitzengeschwindigkeit liegt bei sechs Stundenkilometern.

Sie hat in ihrem Berufsleben schon an vielen Arbeitsplätzen gesessen: Vor der Wende wurde sie in einem Ost-Berliner Rehabilitationszentrum zur Funk- und Fernsehmechanikerin ausgebildet. Anschließend hat sie auch in diesem Beruf gearbeitet. „Doch der Stress unter den normalen Bedingungen war einfach zu hoch“, sagt die 47-Jährige, die einen Behinderungsgrad von 100 Prozent hat. Gabriele Stepputat orientierte sich neu, wechselte in den kaufmännischen Bereich – und in den Ostberliner Stadtreinigungsbetrieb „VEB Kombinat Stadtwirtschaft Berlin“. Dort arbeitete auch ihr Vater.

1992 wurden in Berlin die beiden Stadtreinigungsbetriebe zusammengelegt, aus dem Osten kamen rund 40 Mitarbeiter mit einer Schwerbehinderung. „Das waren oft sogenannte Invalidenrentner, die teilweise in Heimarbeit tätig waren“, sagt Helmfried Hauch, der sich für die Gesamtschwerbehindertenvertretung engagiert. Der schmale 58-Jährige sitzt im Pausenraum auf einem der orangefarbenen Stühle, Gabriele Stepputat hat ihr Mobil neben ihm geparkt.

Schritt für Schritt die Karriereleiter hinauf

Auf der Westseite gab es zur Wendezeit rund 400 schwerbehinderte Kollegen. Heute liegt die Quote bei 14,5 Prozent; Gabriele Stepputat ist eine von 745. Ihre Geschichte zeigt auch, wie sich die Schwerbehindertenvertretungen der Stadtreinigung in den letzten 20 Jahren entwickelt haben: Helmfried Hauch und seine Kollegen schaffen Perspektiven. BSR- Mitarbeiter, die die schwere Tätigkeit eines Müllwerkers nicht mehr schaffen, finden zum Beispiel in der „Papierkorbreparaturwerkstatt“ neue Aufgaben. Oder im Projekt „Deckel in Deckel“, bei dem die Abdeckungen der Großbehälter vor Ort ausgetauscht werden. Die Schwerbehindertenvertretungen versuchen, den Kollegen entweder technische Hilfen zur Verfügung zu stellen, damit sie weiter an ihren alten Arbeitsplätzen bleiben können, oder eben neue Tätigkeiten für sie zu finden.

Gabriele Stepputat hat anfangs im Lager gearbeitet – und damals, in der Wendezeit, einen sehr langen Weg zur Toilette zurücklegen müssen, der auch immer wieder vorbei an rutschigen Ölflecken führte. Die damalige Schwerbehindertenvertretung engagierte sich für ihren Wechsel in die Telefonzentrale, dann folgte die „Zentrale Tourenstelle“, die sich gerade von ihrem Karteikarten-System verabschiedete und die elektronische Datenverarbeitung einführte. „Das war für mich ein Sprungbrett“, sagt die 47-Jährige. Nach dieser Tätigkeit wechselte sie in die Kundenberatung, und blieb – bis heute.

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