Zeitung Heute : Gewitter im Gehirn

Jeder 20. Deutsche erleidet einmal einen epileptischen Anfall. Wer ist gefährdet, welche Therapien gibt es, und wie hilft man im Notfall?

Marion Kerstholt

AUCH DOSTOJEWSKIJ litt unter Epilepsie. Sein Roman „Der Idiot“ basiert auf eigenen Krankheitserfahrungen. Hier Martin Wuttke in der Rolle des Fürsten Myschkin in der Castorf-Inszenierung an der Volksbühne.Foto: DRAMA

Die Warnung klingt beunruhigend: „Bei Personen, die an fotosensibler Epilepsie leiden, kann es zu epileptischen Anfällen kommen, wenn sie bestimmten Lichteffekten ausgesetzt werden.“ So oder ähnlich steht es auf den meisten Computerspielen.

Stimmt das? Ist das Computerspiel unter Umständen ein riskantes Vergnügen? „Nur in sehr seltenen Fällen", sagt Dieter Janz, ehemaliger Leiter der Neurologischen Klinik am Campus Virchow-Klinikum. Die Betroffenen sind besonders lichtempfindlich. Bei ihnen kann das Geflacker eines PC-Spiels einen Anfall auslösen, ebenso wie die Blitze eines Stroboskops in der Disko oder sogar der Fernseher. Bei Kindern ist dieses Phänomen am besten erforscht. „Bei etwa sieben Prozent aller Kinder kann man bei der Untersuchung der Gehirnströme eine Lichtempfindlichkeit feststellen“, sagt Hansjörg Schneble, der viele Jahre ärztlicher Direktor am Epilepsiezentrum in Kork bei Kehl war. Doch nur ungefähr jedes 40. Kind bekomme durch Lichteffekte einen epileptischen Anfall.

Trotzdem ist der Anfall nichts Ungewöhnliches. Fünf Prozent aller Deutschen – also jeder 20. – erleiden ihn einmal im Leben. Und mitunter verläuft er für Außenstehende unbemerkt, ohne die Begleiterscheinung des „grand mal“ – des großen Anfalls – mit Zuckungen, Niederfallen und Schaum vor dem Mund. Manche starren einfach nur wie Tagträumer in die Luft. Und auch der Fieberkrampf kranker Kinder ist ein epileptischer Anfall.

Ein erster Erfolg der Genforscher

Doch nicht jeder, der einmal einen Anfall hatte, leidet damit schon an einer Epilepsie. „Bei einer Epilepsie treten die Anfälle spontan und wiederholt auf“, sagt Heinz-Joachim Meencke, leitender Arzt im Epilepsie-Zentrum Berlin-Brandenburg. In Deutschland leiden etwa 800 000 Menschen an dieser chronischen Krankheit, und ihrem Leiden liegt zumindest zum Teil eine vererbte Veranlagung zugrunde. Das erste solche Gen haben jetzt deutsche Forscher unter der Leitung von Armin Heils, Mediziner an der Universität Bonn, gefunden (siehe unten). Vermutlich 15 Prozent aller Epilepsieerkrankungen können auf dieses Gen zurückgeführt werden. Trotzdem ist meist noch eine weitere Ursache – eine Verletzung des Gehirns oder eine Entzündung – beteiligt, wenn die Krankheit ausbricht. Die Anfälle können durch die verschiedensten Einflüsse ausgelöst werden. Die Betroffenen können erschöpft sein, ein bestimmtes Geräusch hören oder an einem besonderen Ort sein. Aber selbst an den großen Anfall, der für die Beobachter so erschreckend aussieht, werden sich die Patienten hinterher kaum erinnern können. Sie sind dabei nicht bei Bewusstsein.

Heilung durch Operation

Die Anfallkranken früherer Jahrhunderte hatten keine guten Behandlungsaussichten. „Die damaligen Ärzte haben alles versucht. Jede bekannte Pflanze, die nicht tödlich giftig war, wurde als Heilmittel ausprobiert“, erzählt Hansjörg Schneble. Er hat 1998 in Kork das Deutsche Epilepsiemuseum gegründet – das erste seiner Art weltweit. Die Krankheit war schon den alten Griechen bekannt. Man glaubte, die Betroffenen empfingen Prophezeiungen der Götter. Für den Menschen des Mittelalters hatte die Krankheit dagegen etwas Bedrohliches. Böse Geister schienen vom Körper des Anfallkranken Besitz ergriffen zu haben. Dementsprechend fielen die Behandlungsmethoden aus: Den Kranken wurden Löcher in den Schädel gebohrt, um die Dämonen aus dem Körper zu treiben.

Heute haben die Betroffenen bei der Behandlung gute Aussichten. „Epilepsie ist prinzipiell behandelbar“, stellt Hansjörg Schneble fest. Medikamente verhelfen 60 Prozent der Patienten zu einem anfallsfreien Leben, weitere 20 Prozent der Erkrankten erleiden weniger Anfälle.

Wem die Tabletten trotzdem nicht helfen, der kann operiert werden. „Wir entfernen dann die Gehirnzellen, die die Anfälle auslösen“, erklärt Heinz-Joachim Meencke. Voraussetzung für die Operation ist die präzise Ortung des Gehirnbereichs, in dem die Anfälle ihren Ursprung haben. Ist dies kein funktionell wichtiger Teil, kann der Eingriff durchgeführt werden. Und der ist heute Routine. „Eine Darmoperation ist viel gefährlicher“, behauptet Hansjörg Schneble.

www.epilepsiemuseum.de

www.epilepsie-zentrum-berlin.de

www.epilepsie-online.de

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