Zeitung Heute : Gezähmtes Licht

In Adlershof stehen die Leuchttürme auf dem Gebiet der neuesten Lasertechnologie.

Spart zum Beispiel Energie. Wolfgang Gries, Geschäftsführer von DirectPhotonics, mit einem Diodenlaser für die Materialbearbeitung im Labor von DirectPhotonics in Berlin-Adlershof. Foto: Thilo Rückeis
Spart zum Beispiel Energie. Wolfgang Gries, Geschäftsführer von DirectPhotonics, mit einem Diodenlaser für die Materialbearbeitung...

Wie wird man zum Pionier? Was ist innovativ? Mit diesen Fragen habe er sich früher lange und oft beschäftigt, sagt Wolfgang Gries. Am Ende aber, so der Unternehmer, müsse man „es“ einfach tun. So wie Apple mit dem iPhone. Das sei wirklich innovativ gewesen. Da ist er wieder: Der Musterschüler aus dem Silicon Valley. Und wieder fragt man sich: Warum können deutsche Firmen nicht ein kleines bisschen so wie Apple sein? Dabei ist es um den Technologiestandort Deutschland gar nicht schlecht bestellt. Insbesondere in Berlin und Brandenburg haben sich Unternehmen angesiedelt, die in ihrem Bereich oft Weltklasse sind.

Das Start-up DirectPhotonics aus Adlershof ist ein gutes Beispiel. Mit ihren maßgeschneiderten Hochleistungs-Diodenlasern schaffen die Tüftler rund um Wolfgang Gries derzeit Prototypen für die nächste Generation der industriellen Produktionsmaschinen. Das ist typisch für Adlershof: Hier werden die Erfolgsgeschichten von kleinen Unternehmen mit hochspezialisierten Nischenprodukten geschrieben. Das Label „Made in Berlin“ gilt in der Branche etwas. Der Otto-Normalverbraucher bekommt davon wenig mit. Im Verbund sind diese Firmen ein echtes Plus für die Region. Sie schaffen Arbeitsplätze, treiben die Forschungsarbeit voran und machen den Standort auch für andere Firmen interessant.

DirectPhotonics ist einer der jüngsten Neuzugänge im sogenannten Cluster Optik und Mikrosystemtechnik, dem knapp 400 Unternehmen zugezählt werden. Alle zusammengenommen beschäftigten etwa 14 000 Mitarbeiter und erwirtschaften laut Cluster-Report 2012 einen Jahresumsatz von 2,33 Milliarden Euro. Sie bedienen einen Markt auf Wachstumskurs: Durchschnittlich acht Prozent Umsatzsteigerung konnten die Unternehmen Jahr für Jahr nachweisen.

Es sei ein „wirklich innovativer Cluster“, sagt Sprecher und Leiter des Ferdinand-Braun-Institut, Leibniz-Institut für Höchstfrequenztechnik (FBH), Günther Tränkle, selbstbewusst. Denn: „Firmen und Forschungseinrichtungen bringen sich gegenseitig weiter.“

Eine Spezialität der Berliner Unternehmen ist die Lasertechnologie, genauer gesagt die Entwicklung und Anwendung von Laserdioden. Und denen sagen die Experten eine große Zukunft voraus. Denn so wie der Transistor das Schlüsselbauelement der elektronischen Revolution war, läute die Laserdiode das Zeitalter der Photonik ein, sagt Tränkle. Die Laserdioden von heute sind verschwindend klein – kaum größer als ein Sandkorn. Deshalb sei manchmal schwer vermittelbar, warum die Zukunft der Industrie von einem so kleinen Ding abhängt, so Tränkle.

Zum einen lässt sich Energie sparen. Diodenlaser lösen andere, weniger effiziente Lasersysteme ab und lassen die Produktionskosten sinken. Mit Produktionssystemen aus Laserdioden lassen sich zudem Dinge anstellen, die vorher nicht möglich waren. Hinter einer neuen Designlösung wie einem iPhone, bei dem man die Schweißnähte nicht mehr sieht, steckt demnach immer auch eine neue Lasertechnologie. Für „praktisch alles, was ein Gehäuse hat“ werde in der Fertigung in Zukunft Laser gebraucht werden, sagt der Firmengründer Gries voraus – und genau da setzt seine Geschäftsidee an.

Die verschiedensten Materialien bohren, schneiden und schweißen zu können – und das möglichst effizient und flexibel: So sehen die Anforderungen aus der Industrie aus. DirectPhotonics arbeitet an den Lösungen. Im Entwicklungslabor in Adlershof ist man sogar schon so weit, den Produktionsprozess bei der Herstellung der Lasermodule schrittweise zu automatisieren. So sollen die gleichen Module in Zukunft in fünf statt in 40 Tagen gefertigt werden können. Der Konkurrenz immer einen Schritt voraus sein – das ist das Ziel.

Mit seinem Produkt ist das Unternehmen aus Adlershof europaweit einzigartig. Der einzige Konkurrent sitzt in Boston. Die Kunden sind Maschinenhersteller in Europa, China, Japan, Korea und den USA.

So erobern kleine Unternehmen von Berlin aus die Welt: Indem sie sich auf eine Technologie spezialisieren, die in Kommunikation, Medizin, Industrie und Forschung gebraucht wird, aber nur sehr schwierig herzustellen ist. Dabei können die rund 60 Firmen aus Adlershof, die dem Optik-Cluster zugerechnet werden, auf die Erfahrungen aus Jahrzehnten der angewandten Forschung am Standort aufbauen. Diese „Basis-Erfahrung“ mache den eigentlichen Standortvorteil aus, von dem nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland profitiere, ist Tränkle überzeugt. „Das kann man nicht so einfach kopieren“, sagt der Cluster-Sprecher.

Das Know-how der Nachbarn, die Kooperationspartner und Zulieferer in unmittelbarer Nachbarschaft waren auch für das Unternehmen DirectPhotonics ein entscheidender Vorteil. „Die haben uns geholfen, die Produktion wesentlich schneller aufzubauen, als es anderswo möglich gewesen wäre“, sagt Gries.

So sollte es in einem Cluster sein: Zulieferer und Abnehmer, Produzenten und Vertrieb ergänzen, stützen sich gegenseitig. In anderen Clustern führt das oft dazu, dass Firmen das Geld nur untereinander hin und her schieben. In Berlin ist das anders. Der Exportanteil am Gesamtumsatz ist mit 68 Prozent sehr hoch. In der Lasertechnologie sind es sogar 78 Prozent. Tränkle formuliert es so: „Der Cluster bringt frisches Geld nach Berlin.“

Dass Adlershof heute so etwas wie das Silicon Valley der Optischen Technologien ist, sei auf eine „Reihe historischer Zufälle“ zurückzuführen, sagt Tränkle. Mit 36 Hochschulen und Forschungseinrichtungen gilt der Cluster in Berlin und Brandenburg heute jedenfalls als Deutschlands führender Forschungsstandort in Sachen optischer Technologien.

Die Firmen profitieren vom Zugang zur allerneuesten Technik, aber auch vom wissenschaftlichen Nachwuchs. Nirgendwo sonst fände er so viel „talentiertes Personal“, schwärmt Gries. Gleich nach der Firmengründung 2011 ging er eine Kooperation mit der TU Berlin ein, um dort Mitarbeiter für sein Vorhaben zu rekrutieren. Mittlerweile beschäftigt Gries 16 Mitarbeiter. Das Unternehmen soll um weitere Stellen wachsen.

DirectPhotonics schreibt noch keine schwarzen Zahlen. Bisher seien zwei Millionen Euro in die Produktentwicklung geflossen, verrät Gries. Weitere Investitionen in ähnlicher Höhe sind geplant. Hinzu kommen die Fördergelder aus verschiedenen Töpfen. Dass sich das irgendwann rechnet, daran hat der Firmengründer keinen Zweifel. Aber: „Man braucht einen guten Geschäftsplan, den man auch gut darstellen muss.“

Allzu viel will Gries aber nicht verraten. Wenn man ihn jetzt nach seinen Zukunftsplänen fragt, scheint er einen Moment lang zu überlegen. Dann breitet sich ein spitzbübisches Lächeln auf dem Gesicht aus und die Augen funkeln. Damit ist eigentlich schon alles gesagt: Ja, Pläne hat dieser Mann viele. Doch er wird einen Teufel tun und sie verraten. Nur so viel: „Ich habe eine Vision“, sagt Gries. Und die hat viel damit zu tun: „Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert des Photons.“ Wenn das so ist: gut für Berlin. Die Hauptstadtregion ist vorbereitet.

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