Zeitung Heute : Gezeiten der Hormone

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Östrogene in den Wechseljahren

Hartmut Wewetzer

Auch in der Medizin gibt es Ebbe und Flut, den Wechsel der Gezeiten, das Auf und Ab. Noch vor fünf Jahren wurden Hormone für Frauen in und nach den Wechseljahren kaum angezweifelt. Ärzte verschrieben großzügig Östrogene, um Hitzewallungen, seelischer Anspannung und Schlafstörungen, Knochenabbau und anderen Symptomen zu begegnen. Man hoffte sogar, mit den Hormonen einen Jungbrunnen zu besitzen, um geistigen und körperlichen Verfall zu bremsen. Vor vier Jahren wurde dann eine große Studie des amerikanischen Förderprogramms „Women’s Health Initiative“ veröffentlicht. Sie leitete eine Wende ein, weitere sollten folgen. Fazit: erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Herzattacken und Schlaganfall, kein Schutz gegen geistigen Abbau. Die Hormontherapie war in Verruf geraten.

Und heute? „Die Zahl der Verschreibungen ist um die Hälfte zurückgegangen“, schätzt Horst Lübbert, Gynäkologe an der Berliner Uniklinik Charité. „Viele Frauen sind verängstigt.“ Aber jede vierte Frau hat so starke Probleme mit der hormonellen Umstellung in den Wechseljahren, dass für sie kaum eine andere Therapie als eine vorübergehende Hormonbehandlung in Frage kommt, sagt Lübbert. Denn aus seiner Sicht mangelt es an Alternativen – zumindest dann, wenn die Beschwerden ausgeprägt sind. So wenig wie möglich, so kurz wie möglich, lautet heute die Grundregel der Hormontherapie für Frauen in den Wechseljahren.

Eine neue amerikanische Untersuchung bringt nun zwar nicht die Hormon-Euphorie früherer Jahre zurück, wirft aber ein etwas günstigeres Licht auf die einstigen Wundermittel. Mehr als 10 000 Frauen wurden im Rahmen der „Women’s Health Initiative“ entweder mit dem Hormon Östrogen oder mit einem Scheinmedikament (Placebo) behandelt. Nach sieben Jahren Hormonbehandlung stellte sich heraus, dass Östrogene die Gefahr von Herzattacken nicht erhöhten, im Gegenteil: In der Gruppe der Frauen zwischen 50 und 59 war das Risiko sogar geringer, wenn Hormone eingenommen wurden.

Die Studie, im Fachblatt „Archives of Internal Medicine“ veröffentlicht, legt also nahe, dass jüngere Frauen von einer Östrogen-Behandlung profitieren können, was ihr Risiko für Herzattacken angeht. „Eine Frau, die mit 50 mit der Einnahme von Östrogenen anfängt und die ein gesundes Herz und keine Risikofaktoren wie Übergewicht und Bluthochdruck hat, kann auf diese Weise durchaus vorbeugen“, sagt der Gynäkologe Lübbert.

Trotzdem wäre die Formel „Hormone fürs Herz“ so griffig wie falsch. Denn die Frauen, die in der Studie mit Östrogenen behandelt wurden, hatten keine Gebärmutter mehr. Deshalb lässt sich das Ergebnis nicht ohne weiteres auf Frauen mit Gebärmutter übertragen. Die nämlich bekommen zusätzlich zu Östrogen auch das andere weibliche Geschlechtshormon Gestagen verschrieben, was das Risikoprofil für das Herz wieder in die andere Richtung verschiebt. Grund für eine neue Sorglosigkeit besteht also auch weiterhin nicht.

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