Zeitung Heute : Ghana: Dunkle Seite des Großen Kurfürsten

Ludger Fleer

Der Reisende mag seinen Augen kaum trauen: Am einsamen Strand im Westen Ghanas trifft er auf ein Stück Brandenburg. Die einzige Herberge an diesem Küstenstreifen erinnert nicht nur in ihrem Baustil an die Zeit Friedrich Wilhelms, des Großen Kurfürsten - und nimmt sich so ziemlich exotisch aus in diesem Teil der Welt. Vor allem Rucksacktouristen verschlägt es hierher, in die Nähe von Princesstown, einem Fischerdorf, ungefähr zwei Autostunden westlich der Stadt Takoradi. Tatsächlich wurde das Fort Ende des 17. Jahrhunderts von der Brandenburgischen Afrikagesellschaft errichtet, sogar das Baumaterial wurde mit Schiffen aus der Mark nach Westafrika geschafft.

Damals war der Bau eine Festung, hieß Großfriedrichsburg und diente dem gleichen Zweck wie die anderen 31 Sklavenburgen an der Goldküste. Heute ist die einstige Festung ein Hotel für Rucksackreisende und wird "Princesstown-Castle" oder kurz "Prinsi-Castle" genannt.

Seit das "Backpacker-Hostel" 1987 eröffnet wurde, arbeitet John Kwofie hier. Der 41-Jährige war früher Maler. Jetzt ist er Koch, Herbergsvater und Touristenführer. Er schüttelt soeben zwei Franzosen die Hand und schnippt mit dem Daumen und Mittelfinger, wie es in Ghana zur Begrüßung üblich ist. Er habe den besten Job, den er sich denken könne, meint John auf Englisch, das neben der Stammessprache Nzema hier Umgangssprache ist. Er lerne die Welt kennen, ohne selbst reisen zu müssen. "Die Gäste kommen sogar aus Neuseeland und Japan."

Tatsächlich zieht die exponierte Lage der Burg in Verbindung mit niedrigen Preisen Individualreisende aus aller Welt an. Das Gästebuch legt Zeugnis davon ab: "Itlooks like paradise!" oder " ... idyllisch, ein Geheimtipp!" Auch ein paar Hundert Deutsche haben in den vergangenen Jahren Princesstown-Castle besucht. Zumindest hat sich eine erkleckliche Anzahl eingetragen.

Normalerweise sind solche Flecken wie dieser für Nobelherbergen reserviert: Die Burg liegt erhöht auf einem ins Meer vorspringenden Felsen, mit weitem Blick sowohl nach Westen, als auch nach Osten.

Die Traveller sitzen meistens auf der Terrasse und genießen die Aussicht. Auch bis in die Nacht, denn der stete Wind vom Meer vertreibt die sonst so lästigen Moskitos. Im Osten zieht sich der schmale gelbe Streifen Strand, gesäumt von Palmen, bis hinunter nach Cape Three Points, dem südlichsten Punkt Ghanas (zu Fuß zwei Stunden von der Burg entfernt). Kilometer einsamer Strand. Nur ein Haus steht dort. Es gehört einem Ingenieur aus England, der ein Mal im Jahr dort mit seiner Familie den Urlaub verbringt. In Richtung Westen schaut man auf die Wellblechdächer von Princesstown. Das Fischerdorf reicht von der Burg bis zum Fluss Nyane, der hinter dem Ort ins Meer mündet.

Am Fluss hat ein Österreicher zwei Holzhäuser auf Stelzen gebaut. Im Dorf ist "Papa Tapas", wie der Wiener genannt wird, offenbar beliebt, denn er sammelt in Österreich mit seiner Familie Spenden und unterstützt damit die ärmsten Kinder in der Gegend, so dass auch diese eine Schulausbildung bekommen können.

Stützpunkt des Sklavenhandels

Überraschend ist es nicht, dass der Wiener immer wiederkommt, denn obwohl die Leute im Dorf arm sind, scheinen sie stets gut gelaunt zu sein. Und ihre Fröhlichkeit steckt auch die Touristen an. Nichts ist einfacher, als ein paar Kontakte zu schließen.

Jenseits des Flusses und der Häuser des Österreichers, weiter in Richtung Westen, wieder nur einsame Natur: Blau und grün, unterbrochen durch eine schmale, gelbe Linie, den Sandstrand.

Die Mauern der Burg sind etwa einen Meter dick, in den Zimmern ist es kühl wie in einem Kloster. Auch duschen kann man beliebig oft, denn mittels eines raffinierten Systems wird das Regenwasser aufgefangen. Die Vorräte sind immens. Fünf Zimmer mit Ventilatoren werden vermietet, auf Wunsch mit Frühstück und Abendessen. Allerding gibt es viel mehr Räume, denn immerhin haben vor 300 Jahren mehr als 90 Europäer auf der Burg gewohnt, zu deren Schutz 32 Kanonen auf Groß-Friedrichsburg aufgefahren waren.

Die meisten Gäste bleiben ein paar Tage. Touren in die Umgebung mit dem inoffiziellen Führer der Herberge, James Badweh (20), bieten reichlich Abwechslung. Wie etwa die Wanderung durch den nahen Bambuswald oder die Kanutour zu einer Schnapsbrennerei mitten im Busch zwischen Maniokfeldern und Mangroven. Ein wenig bizarr ist der Ausflug zu der Lagune mit den Krokodilen: Jeder Besucher muss zwei Hühner und zwei Dosen Coca Cola mitbringen, der Chief des nahen Dorfes Agyimbiah lockt damit die riesigen Reptilien aus dem Wasser. Doch natürlich, die meiste Zeit verbringen die Reisenden am Strand - und damit, Kokosnüsse zu essen.

Wie die Einträge im Gästebuch zeigen, genießen die Besucher ihren Aufenthalt in Princesstown-Castle. Nur mit der Geschichte der Festung beschäftigt sich offenbar niemand, es gibt kein Museum, keine Bücher oder Bilder und auch John, der Herbergsvater, kann nur wenig darüber erzählen.

Die Brandenburger bauten die Burg im Jahre 1683 und verkauften sie 1721 an die Niederländer. Angeblich baute die Brandenburgische Afrikagesellschaft die Festung, um den Ort vor den portugiesischen Sklavenhändlern an der Küste zu verteidigen. Das wollte zumindest der Gouverneur Van Groben den Einheimischen weismachen. Doch natürlich sollte dieses Fort dem gleichen Zweck dienen wie die anderen Sklavenburgen an der Goldküste: als Stützpunkt für den Handel, vor allem dem mit dem "schwarzen Gold". Die Keller mit der Pforte zum Meer legen Zeugnis davon ab. Wer sie betritt, der ist plötzlich nicht mehr in der herrlichen Landschaft, sondern mitten in der finstersten Epoche Afrikas. Die Geschichte ist denn auch die tragische Seite an diesem sonst so herrlichen Aufenthalt in Princesstown-Castle. Dieses Schicksal teilt Princesstown mit vielen anderen Orten an der Goldküste, sie alle haben eine wunderschöne und eine düstere Seite. Für die Besucher immer ein Wechselbad der Gefühle.

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