Zeitung Heute : Gib dich mit dem zufrieden, was du hast!

Von Esther Kogelboom

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Jeden Sonntag kurz vor meiner Lieblingsserie Lindenstraße, wenn Frank Elstner die Gewinner der monatlichen 10000-Euro-Sofortrente verliest, wird mir für einen kurzen Moment kotzübel und ich fange zu träumen an. Was würde ich mit so viel Geld anfangen? Okay, diese kleine Kolumne würde ich selbstverständlich weiterschreiben, nur so, aus Spaß. Sie würde nicht mehr Die halbe Wahrheit heißen, sondern Ich habe ausgesorgt: Bekenntnisse einer Frührentnerin. Ich würde auch nicht mehr an der Potsdamer Straße in einem windigen Bürogebäude arbeiten, sondern in einem sturmsicheren Art-Deco-Häuschen in Miami Beach, in das mir Steve Jobs per UPS jeden Monat die neuesten Laptops schicken lässt.

Ich bin in einer Krise: Alle Leute, die ich kenne, verlassen in diesem Herbst Berlin auf der Suche nach Tollerem, Aufregenderem. Diese Leute wohnen jetzt in Kabul (gut, okay), Kapstadt (bis jetzt wurde erst einmal eingebrochen; fünf Minuten bis zum Strand), sie schicken Fotos aus Melbourne (absurde Tiere, die aussehen wie ausgestopft, aber angeblich echt sind; zehn Minuten bis zum Strand) und aus Paris (gut, okay). Diese Leute, die früher einmal mit Kohle geheizt und im Mauerpark Fußball gespielt haben, die haben es jetzt besser. Fest steht, sie müssen nicht mit der U2 fahren. Frei wie besoffene Vögel im Wind ziehen sie durch die Gegend. Wenn sie nicht am Strand liegen oder damit beschäftigt sind, sich Schusswaffen zu besorgen, suchen sie ihr Glück.

Später – nach Lindenstraße, Tatort und Christiansen – treffe ich meine Freundin in unserer Bar. Sie reagiert genervt auf meine Eifersucht: „Was soll der Mist? Du musst dich auch mal mit dem zufrieden geben, was du hast!“ Ich schlucke. Hat sie am Ende Recht? „Gibt es“, frage ich zögernd, „vielleicht zwei Kategorien von Träumen: die Elstner-Träume und die, sagen wir, konstruktiven, an die Wirklichkeit angedockten Träume?“ – „Kann sein. Aber du kannst nur bei der Elstner-Version mitreden.“ Meine Freundin schaut böse. Wenigstens ist sie noch in Berlin, immerhin das. Haben die anderen womöglich wegen mir die Stadt verlassen? Weil ich so unerträglich geworden bin? „Es geht in diesem Leben nicht um Freiheit, sondern um Verantwortung“, sagt meine Freundin. Sie trinkt ihren Rotweinin einem Zug aus, stellt das Glas klirrend zurück auf den Tisch und wischt sich mit der Hand über den Mund wie ein Bauarbeiter. „Verantwortung“, sage ich. „Ja“, zischt sie. „Genau! Wohl ein Fremdwort für dich, was?“

Die Augen meiner Freundin blitzen gefährlich. Der Barmann fragt, ob es noch ein Glas Rotwein sein darf. Sie senkt den Kopf und nuschelt: „Und morgen ist auch schon wieder Montag, wie schrecklich.“ Wir lachen gequält.

Ein paar Zigaretten später stehe ich am U-Bahnhof Schönhauser Allee. Ein Reisebüro wirbt dort für sein ziemlich preisgünstiges Round-the-world-Ticket. Ich krame meine Brille aus der Tasche und versuche zu lesen: Fidschi, Santiago de Chile, Mumbai, Los Angeles und wieder zurück, für knapp 1500 Euro. Ein paar Monate keine Barbesuche, dann könnte es auch ohne Frank Elstner klappen, vielleicht sogar schon nächstes Jahr…

Ich steige in die Bahn. Durchs Fenster werfe ich einen letzten Blick auf das Plakat. Unter der riesigen Weltkarte steht in Miniaturschrift: „Diese Preise gelten nur für junge Leute unter 26 Jahren und Studenten.“

Ab sofort werde ich Verantwortung übernehmen müssen.

Unsere Autorin, 30, bekommt ständig gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie alle 14 Tage einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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