Zeitung Heute : "Gier": Die Geranien des Bösen

Hellmuth Karasek

Einmal, auf Seite 438, erzählt Elfriede Jelinek in ihrem Roman "Gier" sogar einen Witz. Da kommt ein Mann aus Niederösterreich an einen Fahrkartenschalter in Purkersdorf und will sich ein Billett kaufen: "Einmal einfach Peking bitte". Der Beamte am Schalter erklärt ihm, dass das nicht ginge. Er könne ihm höchstens eine Karte bis zur polnischen Grenze verkaufen, von dort an müsse der Fahrgast sehen, wie er weiter komme: mit der Transsibirischen Eisenbahn, der Transmongolischen oder dem Hundeschlitten, "wurscht".

Der Reisende kommt in Peking an, verbringt dort eine schöne Zeit und will schließlich wieder zurück. "Er geht am Hauptbahnhof Peking zum Fahrkartenschalter und verlangt: Einmal einfach nach Purkersdorf bitte! Fragt der Mann am Schalter: Ober- oder Unterpurkersdorf?"

Ein müder Witz, den Jelinek deshalb auch mit einem spöttischen "Haha" kommentiert. Aber ein Witz, der in einem Roman passt, der sich - höhnisch?, ironisch? - "Unterhaltungsroman" nennt. Und der Österreichs verquer richtige Haltung zur Welt erklärt und behauptet: Wir sind der Nabel der Welt, mögen unsre Orte Ober- oder Unterpurkersdorf heißen. Um uns dreht sich die Erde, und wenn es nur darum geht, ob der "Jörgl H." einen Porsche fährt und ein anderer gehen muss, weil er einen Jaguar als Dienstwagen will, oder ob der FPÖ-Baron Prinzhorn in Jelineks Roman gefragt wird: "Warum sagen Sie nicht gleich, was Sie wollen, Herr Prinzhorn? Das ganze Land in Besitz nehmen und ficken."

Ja, mir san mir, wie man in Österreich sagt, was auf Hochdeutsch "Wir sind wir" heißt, und wenn Elfriede Jelinek noch voller Abscheu und einem Stolz, der vor Ekel kotzen möchte, auf ihr Heimatrecht pocht, dann könnte man "Gier", der eher ein Kriminal- als ein Unterhaltungsroman ist, am ehesten als Heimatroman bezeichnen, der in den Bergen spielt, an den Seen, den Lawinen, den wild herabstürzenden, den einbetonierten Wassermassen und von der mit geranienbefensterten Häusern verbauten Landschaft erzählt. Ein Heimatroman, hätte Jelinek nicht den bösen Blick auf die Heimat, die sie bitter und mit schmalem Mund Haider-Land nennt.

Ein Heimatroman, würde Jelinek nicht ein "radikales, rustikales Kellerstüberl" (man kann sich das vorstellen: mit Zirbelholz, Zinntellern, Bierkrügeln, äsendem Wild auf Öl) so beschreiben: "die Knochen Verblichener könnten dort gut die Wände zieren". Die Knochen Verblichener? Ein herrlicher Ausdruck für die Hirsch- und Rehbockgeweihe, die österreichische Bauernstuben, vorzüglich touristisch nutzbare, zieren. Ein bitterer Ausdruck auch für die Leichen, die in Österreichs Keller liegen. Also das Ende der Gemütlichkeit. Und damit des Heimatromans.

Überhaupt liegt Jelinek in ihrem Buch "Gier" - die neue Erzählmaschine der maliziösen Wahl-Wienerin und überzeugten Hassliebe-Patriotin fügt sich mit "Klavierspielerin" und "Lust" zu einer Art Trilogie - weniger das Heimisch-Anheimelnde der österreichischen Heimat als das abstoßend Unheimliche. Sie steht damit in guter - oder soll man besser sagen: bewährter? - österreichischer Tradition. Die zum Ruhm der Heimat betriebene Nestbeschmutzung ist Herzensangelegenheit und Ehrensache.

Jelinek weiß nicht nur, wo sich die konservativen Österreicher, die nicht alles beim Neuen lassen wollten, eingebunkert haben, nämlich an den Seen in Kärnten und im Salzkammergut. Sie versteht es auch, die zerstörte Natur von vergifteten Kunstseen, in der die Natur nur noch in makabren Missbildungen weiter wuchert und die Welt verfinstert, zu beschwören.

Sie blickt unbarmherzig auf die Idylle, die sich dem Touristen und dem einheimischen Betrachter scheinbar darbietet. Da ist das schöne kleine Anwesen des Gendarmen Kurt Janisch und seiner Frau, und die Blumen blühen und leuchten nur so. Aber: In Wahrheit hat er, zum Leidwesen seiner Frau, den größten Teil des Gartens als Parkplatz für sein Auto wegbetoniert. Und den kleinen Rest, der ihr bleibt, den versucht sie durch übergroße, überzüchtete Pflanzen kompensatorisch zu meistern.

Ja, so was kann sie, die Jelinek: hinter der Gemütlichkeit die Bestialität, hinter dem Gefühl den brutalen Egoismus, hinter der liebenden Leidenschaft die Mordgelüste, hinter der Gier die Besitzgier aufzuspüren. Und so handelt "Gier", wenn man im Zusammenhang mit Jelinek-Romanen von "Handeln" sprechen kann, von dem Dorfgendarmen Kurt Janisch, der seine 16-jährige Geliebte Gabi erdrosselt und im finsteren Wasser versenkt, von seiner verkehrserzieherischen Liebe zu Verkehrsünderinnen, die er verführt und um ihr Hab und Gut erleichtert, von der Leidenschaft der (ehemaligen) Klavierspielerin und permanent einsamen Gerti, die er sich hörig gemacht hat und die ihm ihr Haus überschreibt, bevor sie sich das Leben nimmt. Das "erzählt" der Roman, indem er sein Thema mit immer neu geknüpften Assoziationsketten umkreist, es bis zum Überdruss variiert, seinen Kamera-Blick immer wieder auf die gleichen Stellen richtet, die kichernden und entsetzten Schreib-Einsichten Jelineks mit "romantischer Ironie" als Erzählillusion brechen lässt.

Gier und Besitzgier, darum geht es Jelinek, und sie findet dafür zupackende, zubeißende Bilder (aber auch die abgeschmacktesten Kalauer; sie ist eben eine Österreicherin). Was sich zwischen Männern und Frauen abspielt, davon kann Jelinek mit gewaltiger Orgelbegleitung jede Litanei absingen - und sie tut es seit Jahren in immer neuen Steigerungen. Wie sehr sie dabei weiß, dass Schmerz, Erniedrigung, Ekel, Selbsthass und Hass zu dem gehören, was man Liebe nennt und was auch bei der Jelinek nur Ficken genannt wird, das macht ihr so schnell keiner nach.

Von der Dauersuada der Erzählerin, die damit kokettiert und davon die Wahrheit sagt, wie sie das Erzählen quält und wie sie damit ihre Leser foltert und foppt, eine Literatur- und Lebens-Masochistin für sich und Erzähl-Sadistin für ihre Leserinnen und Leser, von dieser Dauersuada mag man genervt, fasziniert, geschockt und fadisiert sein. Aber für das Liebesleben oder was wir so nennen und was sie "Gier" nennt, hat sie immer wieder die schlagendsten Sätze. So sagt es die hörige Gerti, eine Frau im mittleren Alter: "Der Sex stimmt zwar, sie will ihn so und nicht anders, aber lieber anders." Und sie fährt fort: "Aber sonst ist einiges im Argen ..." Und Jelinek versteht es, alles im Argen zu belassen. Im Argen? Im Ärgsten.

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