Zeitung Heute : Gift am Golf

Neapel erstickt im Müll – und schickt ihn zu uns

Paul Kreiner[Neapel]

Es liegt ein schwerer Geruch in der Luft, der Gehsteig ist verschüttet. Auf einer Länge von 20 Metern ballen sich Plastiktüten, voll gestopft mit Müll. Eierkartons obendrauf, vom letzten Regen zu schwarz grauem Matsch zerweicht; aus zerfetzten Einkaufstüten quellen Brotreste und Kunststoffbecher, Zitronenschalen und welke Salatköpfe. Autos, die hier am Berg anfahren müssen, rutschen auf der stinkenden Soße weg.

Hier am Berg hat man einen der berühmtesten Blicke der Welt, Generationen von Malern haben ihn festgehalten: der blaue Golf von Neapel, die grünen Hänge des Vesuv. Ein überwältigendes Panorama.

„Ekelhaft“, schimpft Letizia. Sie betreibt hier im Stadtteil Vomero einen Lebensmittelladen. „Bis März kam die Müllabfuhr jeden Tag, aber jetzt habe ich sie schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen.“ Immerhin, sagt Letizia, sei es noch nicht so warm. „Letztes Jahr um diese Zeit hatten wir hier 32 Grad. Stellen Sie sich vor, wie das Zeug dann fault!“

1500 Tonnen Müll produziert die Millionenstadt Neapel jeden Tag, 7500 Tonnen fallen in der Region Kampanien an: in Sorrent, Salerno, auf Ischia und Capri. In Pompeji reichen die Müllhalden bis an die Ruinen. Die Region bringt den Müll nicht mehr weg. Der Grund für den Notstand: Kampanien hat seine Deponien schließen müssen, zum Teil wegen akuter Umweltgefährdung, zum anderen Teil wegen eines neuen Abfallplans. Die Entsorgung liegt jetzt in den Händen einer Mailänder Privatfirma. Sie hat sieben Anlagen zur Mülltrennung und -pressung errichtet und sich verpflichtet, zwei Verbrennungsöfen zu bauen. Nur: Damit ist noch nicht einmal begonnen worden.

Die Verzögerung hat mehrere Gründe. Zum einen haben ganze Städte gegen die Müllöfen protestiert, Bischöfe an der Spitze von Demonstrationen wüteten gegen die „teuflischen Monster“, die „unsere Region vergiften“; Gerichtsverfahren zögerten den Baubeginn immer wieder hinaus. Der zweite Grund heißt Mafia: „Die Camorra ist auch dagegen“, sagt der Journalist Nino Femiani vom „Corriere del Mezzogiorno“: „Das Geschäft mit den Deponien und den Mülllastern liegt in den Händen der Mafia. Sie will, dass alles so bleibt, wie es ist. Denn an Verbrennungsanlagen verdient sie nichts.“

Umso mehr an der illegalen Abfallbeseitigung. Auf verschlungenen Transportwegen verschwinden laut Umweltverband Legambiente jährlich in ganz Italien an die 13 Millionen Tonnen Müll. Während das offizielle Kampanien den seinen nicht loswird, karrt die Camorra Abfälle aus ganz Italien nach Kampanien. Dort wird er, so Legambiente, verscharrt, wo Platz ist, unter einer dünnen Ackerkrume zum Beispiel. Oder unter den Wiesen, auf denen die Büffel für die Mozzarella weiden.

Die italienische Regierung hat nun einen Sonderkommissar nach Kampanien geschickt, Corrado Catenacci. Verzweifelt versucht er den Gemeinden neues Gelände zumindest zur Zwischenlagerung des Mülls abzuringen. Doch die Bürgermeister um Neapel lassen Catenacci auflaufen. Auch die Bürger stellen sich quer: Sie blockieren Einfahrten zu Lagerplätzen, zünden überfüllte Müllcontainer an, schon gab es erste gewalttätige Ausschreitungen.

So scheint im Moment ein einziger Ausweg zu bleiben: Jeden Tag rollt mindestens ein Güterzug nach Deutschland. Krefeld, Oberhausen, Weisweiler – die Verbrennungsanlagen dort haben Kapazitäten frei. Catenaccis Ziel ist es, 30 Züge pro Woche loszuschicken. Doch beim Preis von gut 100 Euro pro Tonne reichen die 28 Millionen nicht weit, mit denen Catenacci ausgestattet ist. „Am 30. Juni“, hat der Regierungskommissar den Bürgermeistern nun in Erinnerung gerufen, „endet mein Mandat hier.“ Und dann?

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!