Zeitung Heute : Gift für die Branche

Der Tagesspiegel

Von Carsten Herz, Matthias Eberle und Eberhard Krummheuer Die Explosion vor der Synagoge auf der tunesischen Ferieninsel Djerba droht der sich abzeichnenden Erholung in der Tourismusindustrie einen Rückschlag zu versetzen. „Ein solcher Zwischenfall ist überhaupt nicht das, was die Reisebranche im Moment gebrauchen kann“, sagte Georg Eisenreich, Chef des Veranstalters FTI Frosch Touristik. Nachdem sich am Sonntag die Anzeichen verdichteten, dass es sich bei der Explosion um einen Terroranschlag gehandelt hat, erwarten Branchenexperten ein neuerliches Buchungsloch – zumindest für islamisch geprägte Reiseziele. „Ein Terroranschlag wäre natürlich Gift für die Branche“, sagte Robert Gülpers, Touristikanalyst beim Bankhaus Sal. Oppenheim. Nach den Terroranschlägen in den USA vom 11.September zählte ein Attentat in einem islamischen Land zu den größten Schreckensszenarien der Reiseveranstalter.

Gleichwohl seien die Reaktionen der Urlauber nicht vorhersehbar, so Michael Frese, Bereichsleiter Fernreise beim Veranstalter Dertour und Geschäftsbereichsleiter des Fernreise-Spezialisten Meier’s Weltreisen in Frankfurt. So habe zwar der Terror in Israel den Tourismus dort völlig zum Erliegen gebracht. In benachbarten Ländern habe es jedoch keine Einbußen gegeben. „Außer den Anschlägen vom 11. September in den USA und dem Golfkrieg hat es bisher kein Ereignis gegeben, das weltweit den Tourismus nachhaltig gebremst hat“, betonte Frese. In Israel wurden alle touristischen Programme bereits vor Wochen abgesagt; seit Februar habe es keine Buchungen mehr gegeben.

Touristen meiden islamische Länder

Seit Monaten registrieren Reiseveranstalter, dass auch die islamischen Länder im Mittelmeerraum verstärkt gemieden werden. Eine Sprecherin von Rewe-Touristik bestätigte, die Sommerbuchungen für Tunesien hätten bisher nicht den Erwartungen entsprochen. Erst nach einer Preisaktion, bei der Kunden mit üppigen Nachlässen gelockt wurden, habe das Minus den zweistelligen Prozentbereich verlassen. Die Touristik. sparte des Handelskonzerns Rewe flog mit ihren Veranstaltermarken ITS, Jahn und Tjaereborg im vergangenen Jahr noch 260 000 Kunden in den Norden Afrikas. Mit 360 000 Tunesien-Gästen aus Deutschland ist der Reiseveranstalter Thomas Cook AG grö ßter Anbieter am deutschen Markt, gefolgt von der TUI, die rund 330 000 deutsche Gäste nach Nordafrika flog.

Profitieren könnten von der Situation die klassischen Reiseländer der Deutschen wie Spanien und Österreich. Gerade die Großen der Branche seien in der Lage, sich rasch auf Veränderungen einzustellen, da sie wesentlich flexibler als kleinere Anbieter auf andere Urlaubsziele umschwenken könnten, glaubt Analyst Gülpers.

Nur vereinzelte Umbuchungen

Bisher registrieren Lufthansa und die Ferienveranstalter noch keine größeren Absagen. „Es gibt keine Riesenstornowelle“, sagte ein Sprecher von Thomas Cook. Ohnehin würden nur knapp fünf Prozent aller Urlauber aus Deutschland nach Tunesien reisen. Auch nach Auskunft anderer Veranstalter liegen nur vereinzelt Anfragen von Reisenden für eine Umbuchung vor. Zu kostenlosen Umbuchungen sehen sich die Reiseanbieter nur dann veranlasst, wenn das Auswärtige Amt explizit von Reisen in ein gefährdetes Land abrät. Dies sei bisher noch nicht der Fall, insofern gebe es „business as usual“, heißt es in der deutschen Touristikbranche. Allerdings hat das Berliner Außenministerium zum Wochenende seine Reisewarnung für Tunesien deutlich verschärft.

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