Zeitung Heute : Gipfel auf dem Hügel

Einige sagten nur noch: „Willkommen im Wahnsinn“ – Resümee der Weltversammlung von Johannesburg

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Von Dagmar Dehmer,

Johannesburg

Die Trommeln machen den Unterschied. Schon am Flughafen in Johannesburg haben sie die Delegierten des Weltgipfels für nachhaltige Entwicklung empfangen. Zwanzig Frauen saßen da auf einer Bühne im Kreis und machten Musik. Eine nach der anderen sind sie aufgestanden und haben getanzt. Johannesburg liegt in Afrika.

Der Eindruck verliert sich wieder auf dem Weg zum Kongresszentrum im feinen Stadtteil Sandton. Es liegt wie eine Festung auf einem Hügel. Egal in welche Richtung die Delegierten von dort oben blicken: Überall erstreckt sich die Stadt – endlos. Umgeben von Luxusläden lässt sich schnell vergessen, dass sich unten Alexandra an den Hügel schmiegt, eine Armensiedlung mit Wellblechhütten und zerfallenen Häusern, die Plastikplanen statt Dächer haben; die Dritte Welt, Sandton ist Erste. Der Baustil ist italienisch. Der zentrale Platz auf dem Hügel könnte auch in einer Stadt in der Toscana sein. Johannesburg liegt in Europa.

Doch da sind wieder die Trommeln. Diesmal werden sie von ein paar Männern geschlagen. Sie tragen Tierfelle und Turnschuhe und tanzen eine Art afrikanischen BreakDance. Ihren ersten Auftritt haben sie morgens, wenn die Delegierten vom Bus-Parkplatz zu den Konferenzräumen streben.

Drinnen geht es beim Gipfel zu wie bei jeder großen UN-Konferenz. Menschen in wunderlichen Nationaltrachten drängen sich durch die Flure, diskutieren oder rufen gestikulierend in ihre Mobiltelefone. Alle bewegen sich schnell. Verhandeln, das tun sie dagegen langsam. Hinter verschlossenen Türen wird mit allen Tricks um Worte gekämpft. Was auch nicht einfach ist, wenn es Unterhändler aus 190 Staaten tun, die in noch viel mehr Sprachen aneinander vorbei reden.

Tagelang ist in Johannesburg beispielsweise um folgendes gestritten worden: Sollte im Aktionsplan der Konferenz der Begriff „Vorsorge-Prinzip“ verwendet werden, der vor zehn Jahren beim Erdgipfel in Rio eingeführt worden ist und politisches Handeln schon bei den Anzeichen globaler Gefahren festschreibt? Oder doch lieber das weiche Wort „Vorsorge-Ansatz“, das vor allem den USA viel besser gefällt? Geendet hat es mit dem Vorsorge-Ansatz, den später unter anderem der deutsche Umweltminister Jürgen Trittin als Erfolg feiern musste.

Jennifer Morgan, Chefin der internationalen Klimakampagne der Umweltschutzorganisation WWF, begrüßt nach ein paar Tagen alle Neuankömmlinge nur noch mit den Worten: „Willkommen im Wahnsinn.“ Denn gemessen an den Weltkonferenzen seit Rio – je eine gab es für Klima, Artenvielfalt, Rassismus, Frauen – ist es in Johannesburg völlig unübersichtlich. Denn hier werden fünf Themen behandelt. Gesundheit, Energie, Artenvielfalt, Wasser und Armut. Und dann sind die einzelnen Veranstaltungsorte auch noch weit voneinander entfernt. Es gibt zwar einen Bus-Service – ein Wunder in einer Stadt, in der sonst keine Busse fahren – aber der Transfer kann Stunden dauern.

Und doch ist Johannesburg genau der richtige Ort, um sich davon zu überzeugen, dass eine nachhaltige Entwicklung notwendig ist. Brutalen Reichtum gibt es hier neben hoffnungsloser Armut. Einige Gegenden sind ohne Abwasserkanäle, tausend Menschen teilen sich dort einen Wasserhahn. Um die Stadt herum türmen sich die Halden der Gold- und Kohlebergwerke. Der vergiftete Abraum wird vom Wind durch die Gegend getragen, Schwermetalle landen in der Erde. Johannesburg liegt doch in Afrika.

Vielleicht hat das ja Eindruck gemacht. Vielleicht werden bald diejenigen Johannesburger, bei denen kein Trinkwasserhahn in der Siedlung steht, einen bekommen. Der wichtigste Beschluss der Konferenz sieht das jedenfalls vor. Die Zahl der Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, soll bis 2015 halbiert werden. Und vielleicht wachsen nun auch die Kohlehalden nicht mehr so schnell. Der Anteil der Energie aus Wasser, Sonne, Wind soll „dringend substanziell erhöht“ werden. So steht es da.

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