Zeitung Heute : Gläserne Konsumenten dank Bonuskarte

Der Tagesspiegel

Von Otto Diederichs

Die immer beliebter werdenden Rabatt- und Bonussysteme von großen Kaufhäusern und anderen Dienstleistungsunternehmen bieten dem Verbraucher kaum Vorteile, enthalten aber etliche Lücken beim Datenschutz, die dazu geeignet sind ihn zu einem „gläsernen Kunden“ zu machen. Davor warnt jetzt Hansjürgen Garstka, Berlins Beauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, in seinem jüngsten Jahresbericht.

Angelockt durch die versprochenen Preisnachlässe – in der Regel drei Prozent – sind viele Menschen offenbar gern bereit, den Firmen für eine Kundenkarte diverse persönliche Daten zu überlassen. Deren weitere Verwendung können sie in den allermeisten Fällen jedoch kaum übersehen, denn im Zeitalter der Informationstechnologie ist die elektronische Kundenkarte, als moderne Form der Kundenbindung, weit mehr als „Omas Rabattmarke“. Obwohl gerade bei Kaufhausketten besonders stark verbreitet, sind Kundenkarten längst nicht mehr auf einzelne Branchen beschränkt. Auch kleinere Bio-Läden bieten sie unterdessen an. Weiterhin versuchen Bahnbetriebe und Fluggesellschaften über Bonusprogramme Vielfahrer- und Vielflieger zu werben.

Anders als beim simplen Rabattmarken-System, das völlig neutral war, weil es nicht an eine bestimmte Person gebunden war, muss der Inhaber einer Kundenkarte heute in gewissem Umfang persönliche Daten an die ausstellenden Unternehmen herausgeben. Die angeblichen Preisvorteile werden dagegen schon bei der Kalkulation berücksichtigt. Zum Teil gleichen sie sich bei den Stammkunden auch wieder aus, weil diese, durch ihre Kundenkarte verleitet, keine Preisvergleiche mehr vornehmen.

Im Schnitt gibt ein Kundenkarteninhaber daher ebenso viel Geld aus, wie ein Verbraucher, der preiskritisch in verschiedenen Kaufhäusern einkauft. Demgegenüber sind die Vorteile, die sich aus den übermittelten Kundendaten ergeben, für die Firmen überaus interessant. In Verbindung mit den, beim Einkauf sonst noch anfallenden Informationen lassen sich nämlich, warnt der Datenschutzbeauftragte, das Kundenverhalten analysieren und „umfangreiche Kundenprofile“ erstellen, die „den Kundenkarteninhaber in vielen Fällen zu einem gläsernen Kunden machen“.

Schon im Antragsformular, so seine Feststellung, „fordern Unternehmen mehr Daten, als für die Teilnahme am System erforderlich sind“. Da Rabatte sich an der Höhe des jeweiligen Umsatzes orientieren, sind die Unternehmen natürlich an den persönlichen Umsatzdaten ihrer Kunden besonders interessiert. Ihre Speicherung ist aber nur mit deren schriftlicher Einwilligung gestattet. Daher wird häufig versucht, beim Antrag auf eine Kundenkarte gleich hierfür eine entsprechende Einwilligung zu erhalten. Bei der Überprüfung der dazu notwendigen Formulare hat Garstka jedoch „die verschiedensten Mängel“ festgestellt. So wird beispielsweise oft nicht ausreichend darauf hingewiesen, dass diese Einwilligung freiwillig ist.

In einem überprüften Fall war nicht einmal die Möglichkeit eingeräumt worden, einer Datenverarbeitung für Werbe- und Marketingzwecke überhaupt zu widersprechen. Gerade darin nämlich liegt für rabattgewährende Firmen der größte Reiz, denn sie ermöglicht ihnen, ihr Warenangebot den Vorlieben ihrer Kunden anzupassen und sie gezielt zu bewerben. Doch auch bei einem ausdrücklichen Werbeverbot des Kunden ändert sich nach Garstkas Feststellung häufig wenig. So werden etwa auch hier die nur zu Werbezwecken notwendigen Daten nicht immer gelöscht, weil dies mit einem erheblichen Verwaltungsaufwand verbunden ist.

Ein solches Verhalten aber, so Garstka, „ist rechtswidrig“. Weiterhin fordert er, dass bei ausschließlich umsatzorientierten Rabattsystemen die einzelnen gekauften Waren oder Dienstleistungen nicht mitgespeichert werden dürfen und personengebundene Umsätze nach Ablauf des Rabattzeitraumes – meist ein Jahr – gelöscht werden müssen. Auch dies geschieht bisher oftmals nicht.

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