Zeitung Heute : Glaube und Hoffnung

Thomas Seibert[Istanbul]

Die EU berät über Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Wie kommt es, dass der Status der christlichen Minderheit in der Türkei dabei eine so große Rolle spielt?

Auf eine 150 Jahre alte Urkunde des osmanischen Sultans zurückzugreifen, um Behördenprobleme im 21. Jahrhundert zu lösen, gehört für Holger Nollmann zur Normalität. Als der 40-jährige Geistliche, der die deutsche evangelische Gemeinde in Istanbul betreut, einen Gasanschluss für das Areal der Gemeinde haben wollte, war die alte Sultans-Urkunde sehr hilfreich. Denn in den Gesetzen der modernen Türkei gibt es nach wie vor keinen Rechtsstatus für Kirchengemeinden – also gibt es rechtlich auch keine Gemeinde, die einen Gasanschluss haben will. Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Erlaubnis des Sultans, eine „preußische Gesandschaftskapelle“ zu errichten, öffnet für Nollmann dann doch die Türen. Inzwischen ist das Gas da.

Der türkische Staat betrachtet die religiösen Minderheiten im Land mit einem großen Misstrauen, das auf Ereignisse im Ersten Weltkrieg zurückgeht: Damals stellten sich griechische und armenische Bürger des Osmanischen Reiches – so die offizielle Lesart – gegen ihre muslimischen Mitbürger und unterstützten fremde Mächte, die das Land aufteilen wollten. Als Spätfolge dieses historischen Traumas können die Kirchen in der Türkei noch heute keine neuen Priester ausbilden, haben große Schwierigkeiten bei der Verwaltung ihres Eigentums und besitzen keinen eigenen Rechtsstatus. Das gilt auch für ausländische Christen. „Rechtlich sind wir nicht existent“, sagt Nollmann, der in Istanbul nicht als Pfarrer, sondern als Mitarbeiter des deutschen Generalkonsulats firmiert.

Nach dem Wahlsieg der Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im November 2002 herrschte bei den Christen in der Türkei anfangs „eine euphorische Stimmung“. Im Rahmen der EU-Reformen schickte sich Ankara an, strikte Vorschriften zu lockern. Inzwischen ist die Euphorie verflogen. „In den Fragen des Eigentums und der Ausbildung hat sich nichts bewegt“, sagt Nollmann. Noch immer ist die Türkei weit von der Erfüllung europäischer Mindeststandards im Umgang mit religiösen Minderheiten entfernt.

Alle Hoffnung der türkischen Christen ruht nun auf dem Gipfeltreffen in Brüssel: Ohne Beitrittsverhandlungen mit der EU verlöre die Regierung in Ankara jede Motivation, die Reformen weiter voranzutreiben, glauben sie. Das könnte das Aus für das Christentum in der Türkei bedeuten. Nollmann verweist darauf, dass der Bevölkerungsanteil der Christen in der Türkei seit 1923 von 20 Prozent auf heute nur noch 0,15 Prozent zurückgegangen sei: „Wenn sich nichts ändert, ist es vorbei mit der christlichen Minderheit hier.“

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