Zeitung Heute : Glaubst Du Westerwelle ein Wort? Noch neun Wochen bis zur Wahl

NAME

Lieber P.,

ich will, dass Du Teil hast an meinen wachsenden Schwierigkeiten, den Bewerbern um das Amt des Bundeskanzlers Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Es gab eine Zeit, da ging uns das leichter von der Hand: 1994 verfassten wir Leitartikel über den Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping mit der Überschrift „Der richtige Mann zur richtigen Zeit“. Und im Wahljahr 1990 setzten wir über eine Würdigung des Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine einfach den Titel „Der falsche Mann zur falschen Zeit“, obwohl wir wussten, dass man allenfalls hätte sagen können, Lafontaine sei, als er im Jahr der Wiedervereinigung gegen Kohl antrat und versuchte, den Kanzler der Einheit mit den Mitteln der ökonomischen Wahrhaftigkeit zu schlagen, „der richtige Mann zur falschen Zeit“ gewesen.

Aber heute? Wie ordnen wir einen Kanzler ein, dem die Zeit zu enteilen droht und der Gefahr läuft, sie nicht mehr einzuholen? Oder einen Herausforderer, der sich der Zeit derart anpasst, dass sein Profil in ihren Konturen verschwindet? Oder einen, der sich Kanzlerkandidat nennt und dem Zeitgeist der niederen Instinkte huldigt? Doch, doch! Das sind relevante Fragen auf der Suche nach einer plausiblen Antwort auf die altmodische Frage, wer am 22. September unser Vertrauen verdient hat. Der mit der ruhigen Hand, der in der Maske des Biedermanns oder der Dritte, der „Haltet den Dieb!“ ruft? Guido W. versucht, durch Schrillheiten auf sich aufmerksam zu machen. Schröder und Stoiber aber schleichen umeinander herum und tun alles, um nicht allzu sehr aufzufallen.

Der Kanzler hat es derzeit schwerer, im Hintergrund zu bleiben, weil er andauernd irgendeinen Schaden reparieren muss, den andere angerichtet haben; gerade eben mit seiner „schmerzhaften, aber notwendigen Entscheidung“, Rudolf Scharping zu entlassen, nachdem dieser sich geweigert hatte zurückzutreten.

Davor die Sache mit Ron Sommer.

Stoiber hat es leichter, weil er einfach jedem Konflikt aus dem Weg geht und den Leuten nach dem Munde redet. Neulich im Elysée hat er sich sogar, wenn ich das richtig verfolgt habe, als französischer Landwirtschaftsminister versucht. Mit seiner Entschlossenheit, hart durchzugreifen („kantig, echt, erfolgreich“), ist es wohl nicht weit her. Aber wahrscheinlich tarnt er sich nur. Gewiss hat er alle einschneidenden Reformpläne in der Schublade, aus der er sie dann am Tag nach der Wahl herausholt, inklusive höherer Steuern für die Industrie und mehr Staatsverschuldung zur Ankurbelung der Wirtschaft.

Ich glaube, wir müssen vor unserer Wahlentscheidung wirklich noch die Fernsehduelle der beiden am 25. August und 8. September abwarten. Das wird ein Kompetenzwettbewerb werden, sage ich Dir! Stoiber wird den Bundeskanzler mit „Herr Schröder“ anreden, und Schröder wird antworten: „Sie können ruhig Bundeskanzler zu mir sagen.“ Stoiber wird sagen: „Ich liebe mein Vaterland, und ich möchte etwas für dieses Land tun.“ Schröder wird sagen: „Um Inhalte und Entscheidungen, die man für richtig hält, den Menschen auch nahe bringen zu können, braucht man auch die Möglichkeit, mit Medien umzugehen.“ Kann sein, dass dann sogar doch noch die Vorschläge der Hartz-Kommission zum Abbau der Arbeitslosigkeit zur Sprache kommen und Schröder sagen wird: „Es geht in diesem Bereich nicht um eine Kürzungsdebatte, es geht um eine Gestaltungsdiskussion.“ „Kanzlerkandidat“ Guido Westerwelle wird nicht zugeschaltet sein. Also zeiht er den Bundeskanzler schon heute der Wählertäuschung. Frage in der ARD: „Wollen Sie dem Kanzler wirklich unterstellen, dass er lügt, wenn er sagt, mit der PDS mach’ ich’s nie?“ Antwort: „Ich glaube sowohl dem Bundeskanzler als auch dem Vizekanzler kein Wort, wenn er sagt, er würde den Sirenengesängen der PDS nicht erliegen.“ Aber koalieren, sagt W., würde er mit Schröder schon. Wetten, dass er, bevor der Wahlkampf zu Ende ist, auch noch sagen wird: Wenn es die Mehrheit bringt, koaliere ich auch mit Fischer?

Falls Du für Deine Wahlentscheidung noch ein Zitat brauchst, stelle ich Dir eines von mir persönlich zur Verfügung: „Ich glaube Guido Westerwelle kein Wort, wenn er sagt, er würde im Falle einer Regierungsbeteiligung der FDP seine Wahlversprechen halten.“

Dein M.

Martin E. Süskind

erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben