Glaubwürdigkeit : Alleine im Wasser

Und jetzt erst einmal alle: „O Himmel, strahlender Azur!/ Enormer Wind, die Segel bläh!/ Laßt Wind und Himmel fahren! Nur/ Laßt uns um Sankt Marie die See!“ Das ist doch mal ein ehrliches Lied, süffig vorgetragen, trunken gar, berauscht. Wäre das Wort authentisch zu Zeiten des guten Brecht schon modisch gewesen, hätte er seine Seeräuber gewiss authentisch über die See grölen lassen. Gewissermaßen vollrohr ehrlich. Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit sind ja ein wenig in Schieflage geraten, gerade in jüngster Zeit noch ein wenig schiefer. Ich will aber jetzt nicht über Frau Schwarzer, Herrn Hoeneß, Herrn Schmitz, Herrn Wowereit et al. disputieren. Es geht ja hier um Authentizität, um die Ehrlichkeit der Seefahrer, siehe oben.

José Salvador Albarengo, 37, ist Mexikaner, darüber hinaus Seefahrer, Fischer. Am 24. Dezember 2012 stach er in See mit seinem acht Meter langen Boot. Am 24. Dezember? Gut, andere Länder, andere Sitten, muss ja jeder selber wissen, was er an diesem Tag macht. Dann ging der Motor seines Bootes kaputt. Dann trieb Albarengo übers Meer. Er hatte noch einen jugendlichen Begleiter bei sich. Der starb nach vier Wochen. Und Albarengo trieb und trieb. Den jugendlichen Begleiter warf er ins Meer. Albarengo trieb alleine weiter. Weiter, weiter, immer weiter. Irgendwann ging der Proviant aus. Albarengo trank Regenwasser, als der Regen ausblieb, trank er Schildkrötenblut, ich weiß jetzt nicht, woher er die Schildkröten hatte, aber egal. Als die Schildkröten aus verständlichen Gründen nicht mehr an Bord kamen, erinnerte sich Albarengo an Carmen Thomas und ihre Broschüre zu „Urin ist ein besonderer Saft“. Außerdem fing der wackere Seemann Seevögel, mit den bloßen Händen und aus der Luft. Und Fische, auch mit den bloßen Händen und aus dem Wasser. Ein Teufelskerl, dieser José Salvador Albarengo. Und jetzt, dieser Tage, strandete er 12 500 Kilometer von seiner Heimat entfernt auf den Marshallinseln. Er war also 13 Monate unterwegs. Und hat überlebt. Und warum sollen wir ihm diese Geschichte nicht glauben? Warum ihm nicht, wo wir doch auch alle anderen Geschichten glauben, sogar die von Frau Schwarzer als moralischer grundehrlicher Instanz? „Laßt Wind und Himmel fahren! Nur/ Laßt uns um Sankt Marie die See!“ Helmut Schümann

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