Zeitung Heute : Gleiches Recht für alle Instrumente

Die Sinfonie als Metapher für den idealen Staat, in dem alles zu einer Einheit verschmilzt

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Von Mark Evan Bonds

Vor zwei Jahren entdeckte ich in der Philosophieabteilung einer Buchhandlung ein Buch, auf dessen Einband Beethoven abgebildet war. Erst dachte ich, es sei falsch eingeordnet. Bei näherer Betrachtung stellte ich jedoch fest, dass es tatsächlich ein Philosophiebuch war. Es handelte sich um den siebten Band von Frederick Coplestons „Geschichte der Philosophie", der die Periode „von den Nach-Kantianern bis Marx, Kierkegaard und Nietzsche" umfasste. Trotzdem erschien auf dem Einband kein einziger dieser Philosophen, sondern allein Beethoven. Noch seltsamer war, dass Beethoven nirgends erwähnt wurde, noch nicht einmal in einer beiläufigen Bemerkung. Er erscheint auf dem Buch, aber nicht in ihm.

Warum ziert ein Komponist den Einband eines Philosophiebuchs? Und warum wurde Beethoven für ein Buch ausgewählt, das ihn mit keiner Silbe erwähnt? Ich möchte der Fantasie des Umschlaggestalters nicht zu viel Gewicht beimessen, doch dieses Bild verweist auf eine Fülle von Assoziationen, mit denen wir regelmäßig Beethoven und seine Musik verbinden.

Schon zu seinen Lebzeiten galten Beethovens Sinfonien als Werke, die über die Welt der Töne hinaus wiesen. Zuhörer haben diese Werke als Vehikel für moralische, soziale und sogar politische Ideen interpretiert, obwohl Haydns und Mozarts Sinfonien eine Generation vorher noch nicht so aufgefasst wurden. Die Gründe hierfür sind nicht ausschließlich, noch nicht einmal in erster Linie, in der Musik selbst zu suchen. Beethoven und seine Zeitgenossen schätzten den Vorteil einer neuen Einstellung gegenüber der Instrumentalmusik. Bis 1800 wurde Musik ohne Text generell als zweitrangige Kunst betrachtet, „mehr Genuss als Kultur", um Kants gefeierten Satz aus seiner „Kritik der Urteilskraft" (1790) zu zitieren. Bereits 1810 wurde die Sinfonie jedoch von vielen als Vehikel für Ideen betrachtet. Diese Werteverschiebung kann teilweise auf Beethovens Sinfonien zurückgeführt werden, zum größeren Teil jedoch auf die Kultur der Sinfonie im frühen 19. Jahrhundert.

Allein der Gedanke, rein instrumentale Musik überhaupt mit irgendwelchen Ideen zu assoziieren, stellte ein radikal neues ästhetisches Konzept dar. Diese Betrachtungsweise wurde zum großen Teil ermöglicht durch die Geburt des Idealismus in Philosophie und Ästhetik. Trotz seines Widerstandes gegen Intrumentalmusik ebnete Kant den Weg für eine Reihe nachfolgender Autoren, unter anderem Schiller, Friedrich und Wilhelm Schlegel, Hegel und Schopenhauer, die rein instrumentale Musik nicht nur zur Bedeutungsträgerin erklärten, sondern zur Bedeutungsträgerin unserer Existenz.

Innerhalb der Instrumentalmusik wurde der Sinfonie ein besonders erhabener Status eingeräumt, weil sich in ihr so viele verschiedene Instrumente vereinigen: Bläser, Schlaginstrumente und Streicher, wobei keine Stimme vorherrscht. In diesem Sinne wurde die Sinfonie zu einer Metapher für den idealen Staat. Wegen der Größe des Orchesters, der Heterogenität der Instrumente und der Abwesenheit einer dominierenden Stimme (im Gegensatz zum Concerto), betrachtete man die Sinfonie als Metapher für die ideale Beziehung zwischen unterschiedlichen Individuen innerhalb einer politischen und kulturellen Einheit.

Zum Beispiel betritt Wilhelm in der „Pädagogischen Provinz" in Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre" ein quasi-utopisches Reich, wo Individuen lernen, produktive Mitglieder einer Gesellschaft zu werden. Es ist kein Zufall, dass dort ein Orchester eine Sinfonie spielt. Bei näherem Hinsehen stellt Wilhelm fest, dass er tatsächlich zwei Orchester vor sich sieht, von denen nur eines wirklich spielt. Im zweiten Orchester, das neben dem ersten sitzt, „befanden sich jüngere und ältere Schüler, jeder hielt sein Instrument bereit ohne zu spielen; es waren diejenigen die noch nicht vermochten, oder nicht wagten mit ins Ganze zu greifen." Wilhelm erfährt jedoch, dass es kaum eine Aufführung gibt, in der nicht eines oder mehrere dieser aufstrebenden Talente als vollständiges Orchestermitglied in die Musik einstimmt. Diese offenkundig allegorische Schilderung ist um so bedeutungsvoller, als das Orchester eine Sinfonie spielt und kein Concerto. Kein Solist herrscht vor, jedes Instrument trägt seinen eigenen unverkennbaren und unabdingbaren Ton bei, und doch ist jedes Instrument dem Ganzen unterworfen.

Ebenso wenig ist es ein Zufall, dass die Sinfonie das wichtigste Instrumentalgenre der vielen Musikfeste war, die im post-napoleonischen Deutschland gediehen. Anders als bei modernen Musikfestivals handelte es sich hier um Teilnehmerveranstaltungen, deren Erfolg sich weniger nach ihrer musikalischen Qualität als nach der Menge und Begeisterung der Musiker bemaß, die größtenteils unbezahlte Amateure waren. Friedrich Engels verglich diese Musikfeste mit den Dramen des antiken Griechenlands, die der Bevölkerung ausschließlich aus Aufführungen bekannt waren, in denen sie selbst als Chor mitwirkte.

Die Musikfeste gehörten zu den wenigen öffentlichen Veranstaltungen, in denen Menschen sich mehr oder weniger gleichgestellt begegneten. Robert Schumann, der vor der Einführung von Dirigenten komponierte, erklärte, das Orchester solle wie eine Republik sein, ohne eine übergeordnete Instanz. Die politische Bedeutung solcher Ideen hat Wolfgang Robert Griepenkerl ausführlich in seiner faszinierenden, aber heute weitgehend vergessenen Novelle „Das Musikfest oder die Beethovener“ untersucht.

Nachdem die Sinfonie sich als das Volksgenre schlechthin etabliert hatte, fehlte nur noch ein kleiner Schritt zu ihrer Wahrnehmung als Vehikel für den deutschen Nationalismus. Tatsächlich wurde die Sinfonie von vielen für ein typisch deutsches künstlerisches Phänomen gehalten. Schumann war der Ansicht, dass Beethoven die Kämpfe, die die Deutschen gegen Napoleon verloren, im Nachhinein gewonnen hatte. Die Sinfonie wurde zum zentralen Element des Kulturkampfes im frühen 19. Jahrhundert, weil sie so eng mit dem allgemeinen Glauben an eine nationale Bestimmung verknüpft war - dem Glauben, dass die Deutschen die Welt nicht durch ein politisches Imperium anführen würden, sondern durch die Kraft der Musik, der Kunst, Philosophie, Literatur und der Wissenschaften. Die Folgen dieses Glaubens sind auch zwei Jahrhunderte später noch spürbar.

Der Autor ist Professor an der University of North Carolina at Chapel Hill

Aus dem Amerikanischen von

Susanna Nieder

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