Global Condition : Die Vermessung der Globalisierung

In „Global Condition, 1850–2010“ versuchen die Autoren das Zusammenwachsen der Welt zu entschlüsseln. – Ein Phänomen zwischen Rätsel und Prophezeiung.

Charles Bright Michael Geyer

Globalisierung: Seit das Wort in den 80er Jahren in den allgemeinen Sprachgebrauch überging, war es stets sowohl ein zu erklärendes Problem als auch seine eigene Erklärung – ein Rätsel und eine Prophezeiung. Die Literatur zum Thema war voller Verwunderung oder Verzweiflung, ja sogar Entsetzen und vermittelte den schwindelerregenden Eindruck des Blicks über den Rand eines Abgrunds ins Ungewisse. Das vertrackte kleine Suffix „-isierung“ deutet auf einen Prozess hin – noch nicht Geschichte und vielleicht sogar jenseits aller Geschichte.

Das Wort impliziert die Vorstellung eines Ziels – auf das historische Vorgänge zusteuerten – oder aber die triumphale Verkündigung eines post-historischen Zeitalters, in dem Bewegung alles ist, aber nichts sich jemals ändert. Die „Globalisierung“ wurde zum Zustand, der stets im Werden begriffen, auf ewig „noch-nicht“ ist. Als Prophezeiung brachte sie eine distanzierende Beziehung zur Vergangenheit, der Vorschub geleistet wurde von einer oberflächlichen Sprache der „er-Wörter“ – schneller, dichter, tiefer, die durch die Gegenwart rauschten, auf eine Zukunft zu, die zugleich unmittelbar bevorstehende Erfüllung und grenzenlose Transformation versprach.

Was die globale Geschichte folglich erklären muss, ist die schockierende Realität dessen, was ist – wie wir dorthin kamen, wo wir sind, und wie wir mit einem Zustand umgehen, in dem, wer wir sind und was wir werden können, unwiderruflich mit allen anderen verknüpft ist. Wir müssen die Realitäten einer Welt begreifen, die durch ihre Globalität definiert ist. Einer Welt, in der, auf Gedeih und Verderb, jeder in die Angelegenheiten jedes anderen verwickelt ist. Interaktionen entfalten sich in alle Richtungen auf globaler Ebene, denn Menschen, Waren, Geld, Informationen und Konzepte bringen alle in Kontakt mit allen anderen.

Der Umstand, dass die Menschen heute in einem globalen Umfeld leben, hat in vergangenen Epochen die idealistischen und universalistischen Konventionen sämtlicher Aspekte der Weltgeschichte auf den Kopf gestellt – vom anthropologischen über den wirtschaftlichen und den fortschrittsorientierten bis zum Aufstieg der Westlichen Welt. Im Gegensatz zu den Philosophen und Gelehrten vergangener Zeiten müssen wir die Welt nicht erdenken oder erfinden, um sie geschehen zu machen; die Welt und die Menschheit werden vor unseren Augen neu geschaffen.

Wir müssen die explosive Dynamik und die oft katastrophalen Instabilitäten der Globalisierung verstehen: wie die Menschen ihr Leben und ihre politischen Ordnungen innerhalb dieses Zustands organisiert haben – oder bei dem Versuch verrückt geworden sind – und wie und mit welchen Folgen die natürliche Welt von ihm verändert und verschlungen wird. Beim Versuch, einen solchen Zustand zu begreifen, müssen ungewohnte Wendungen verteidigt, komplexe Konfigurationen entwirrt, Überraschungen angestoßen werden. Nicht gerade die kleinste wird sein, dass man tatsächlich eine Geschichte darüber erzählen kann, wie an diesem Zustand gearbeitet, wie er immer wieder entzwei gerissen und aufs Neue zusammengeflickt wird.

Die Konturen, die der globale Zustand während des 20. Jahrhunderts hatte, erfahren zurzeit eine grundlegende Reorganisation. Die Möglichkeiten, die im Anlauf zur Globalität während des 19. Jahrhunderts aufgetan wurden, sind ausgeschöpft. Und die alten Erklärungsformen beschreiben nicht mehr hinreichend, was gerade geschieht. Unsere Gegenwart ist nicht bloß ein weiterer Moment der Turbulenzen, sondern ein Moment der tiefgreifenden Transformation, der „welthistorischen Krise“, wie Jacob Burckhardt sie nannte.

Aus diesem Blickwinkel wird einiges klar. Zunächst können wir eine diskrete historische Ära der Globalität beschreiben – die erste ihrer Art in der Weltgeschichte. Die Chronologie eines langen 20. Jahrhunderts ist weitgehend etabliert: Ein globaler Zustand, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts herausbildete, erfuhr zweimal eine intensive Beschleunigung in der Mobilität von Waren und Menschen und in der Verbreitung von Wissen und Information: von den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum zweiten Jahrzehnt des 20. und von den 1980ern bis heute. In beiden Perioden überwogen zügellose Produktion und grenzenloser Austausch die jeweiligen Versuche, das globale Leben zu steuern und zu regulieren. Diese Zeiträume wurden von einer langen Periode unterbrochen (20er bis 70er Jahre des 20. Jahrhunderts), die vom Kampf rivalisierender Mächte geprägt war, von Krieg und Bürgerkrieg sowie von wirtschaftlicher Instabilität, in der große, oft auch utopische Hoffnung in Staatsgewalt und nationale Produktion gesetzt wurde. Darin erkennen wir nicht den Vormarsch der Globalisierung, sondern ein Ringen um die Rahmenbedingungen der Interaktion, in dem verschiedene Strategien und Interaktionsformern getestet, gefestigt und wiederholt – oder besiegt und verworfen – werden.

Weiter wird klar, dass die unmittelbaren Reaktionen auf diesen Zustand zwar von Konkurrenzgeist und Abschottung geprägt zu sein schienen (abgrenzender Nationalismus, Wirtschaftsprotektionismus, Reproduktion kultureller Unterschiede), sie aber alle inhärent transnationalen Charakter hatten. Sie entstanden durch Menschen, die sich der Gegenwart anderer bewusst waren, sich ein Beispiel an anderen nahmen und ihr eigenes Überleben durch die engere Verflechtung mit anderen zu sichern suchten.

Während dieser Ära ging eine Stärkung des Staates, abgeschirmte Industrialisierung und kulturelle Erneuerung Hand in Hand mit einer fortlaufenden „Transnationalisierung“: eine unerlässliche unterstützende Kraft (Technologietransfer), eine schlichtende, fördernde Energie (Kapital), eine Regulierungsmacht (Standardisierung), eine imaginäre (Vergleiche und Zukunftspläne) und sogar utopische Traumwelt (der Wunsch nach Konsum und das Formen von Identitäten). Die aus diesen Auseinandersetzungen resultierenden Gewohnheiten, Institutionen und Praktiken führten nur zu einer noch stärkeren Verwicklung, welche die Interaktionsstrategien zunächst erforderlich machten und dann auch formten. Am Ende dieser Ära wird klar, dass die globale Verzahnung bleibt, auch wenn die ersten Strategien und Reaktionen langsam ausgemustert werden.

Und schließlich können wir langsam die Konturen der Globalität erkennen, die die Geschichte des kommenden Jahrhunderts ausmachen werden. Die hervorstechendste Tatsache ist, dass der Mensch die gesamte Erde eingenommen zu haben scheint – nicht bloß in seiner Zahl, die nach der alten Malthusschen Sorge die Tragfähigkeit des Planeten sprengen könnte –, sondern auch in dem Sinn, dass die Welt, in der wir heute leben, ein vollständig von Menschenhand geschaffenes Artefakt ist. Das wachsende Umweltbewusstsein hat das Ausmaß des menschlichen Einflusses auf den Planeten deutlich gemacht. Ebenso hat das Ringen mit der Moderne und das Fertigwerden mit den schwindelerregenden Bewegungen der globalen Kräfte in letzter Zeit neue Welten der Spiritualität gefördert (vornehmlich fundamentalistische Glaubensrichtungen).

Diese sich ändernden Diskussionsparameter schaffen neue Arenen der Interaktion, die die vertrauten Bande der Globalisierung durchtrennen: die Transformation von Produktion und Finanzwesen, die schnellen Kommunikations- und Informationsnetzwerke, der Kreislauf von Konsum (Einbindung) und Verzweiflung (Ausgrenzung) sowie die neuen Muster regionaler und grenzüberschreitender Gewalt, die die Konflikte um Werte und Prinzipien prägen. So gibt es in unserer Zeit eine besondere Offenheit gegenüber der Frage, ob diese menschengeschaffene Welt zu einer Wüstenei verkommen oder durch menschliche Anstrengungen bewohnbar wird. Die Frage ist global, und sie rückt die Frage nach einer globalen Ordnung ins Zentrum unserer gemeinsamen Sorgen.

Aus dem Englischen von Stephan Rothschuh. Charles Bright ist Arthur J. Thurnau Professor of History an der University of Michigan. Michael Geyer ist Samuel N. Harper Professor of German and European History und Faculty Director des Human Rights Program an der University of Chicago. Der Text in ein Auszug aus ihrem demnächst erscheinenden Buch „The Global Condition: 1850-2010“.

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