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Harald Olkus

Nur selten sind Transporte so öffentlichkeitswirksam, dass Fernsehsender und Zeitungen über sie berichten. Doch bei drei Mauerteilen, die im August von Berlin nach New York transportiert wurden, war dies zu erwarten. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hatte UN-Generalsekretär Kofi Annan drei Segmente der Berliner Mauer bei dessen Besuch in der Hauptstadt im Juli geschenkt. Die drei 3,60 Meter hohen und 2,8 Tonnen schweren Betonteile wurden im Wedding per Kran in einen Container gepackt, mit dem Lkw nach Hamburg gebracht und von dort per Schiff über den Atlantik verschickt. Elf Tage später trafen die Mauerteile in New York ein, wo sie als Symbol der Freiheit im Garten der UN aufgestellt werden sollen. Organisiert wurde der komplette Transport von Hapag-Lloyd in Zusammenarbeit mit der Spedition Kühne & Nagel. An diesem Transport können zwei aktuelle Trends in der Logistik abgelesen werden: das immer globaler werdende Arbeitsfeld und die zunehmende Kooperation verschiedener Logistikunternehmen, um Komplettlösungen anbieten zu können.

"In der Logistik werden heute horizontale und vertikale Allianzen realisiert. Das bedeutet Zusammenarbeit mit Partnern, die in gleichen Segmenten, manchmal sogar als Wettbewerber tätig sind sowie die Zusammenarbeit über Branchengrenzen hinaus, etwa zwischen Lieferanten, Produzenten und Dienstleistern", sagt Thomas Wimmer, Geschäftsführer der Bundesvereinigung Logistik. Die Kunden zeigen zunehmend Interesse, die gesamte Supply Chain, also sämtliche anfallenden Transporte, an möglichst einen einzigen Dienstleister zu vergeben.

Das erfordert Spezial-Know-how. Als beste Ausbildung zum Logistikfachmann gilt nach wie vor das Wirtschaftsingenieurstudium. Die TU Berlin mit bis zu 300 Studenten pro Semester ist eine der großen Ausbildungsstätten in Deutschland. Technologie und Management der Logistik können als Schwerpunkt gewählt werden. Aber auch ein BWL-Studium mit der Vertiefung Logistik gilt als guter Einstieg - neben der TU bilden die Universitäten in Cottbus, Hamburg, Karlsruhe und Kaiserslautern Logistiker aus.

Die Herausforderung, vor der die Absolventen dieser Studiengänge stehen: Die großen Speditionen, die einen umfangreichen Fuhrpark haben, Umschlagplätze verwalten, einen zumindest europaweiten Aktionsradius haben und oft als eine Art "Hausspedition" arbeiten, sind noch nicht auf alle Anforderungen ihrer Kunden eingestellt und nicht für alle Transporte die besten und günstigsten Partner. Branchenneulinge gehen einen Schritt weiter. In den vergangenen Monaten haben sich eine Reihe von Firmen gegründet, die nicht nur Transporte jeglicher Art schnell, termintreu und günstig anbieten - und das ganz ohne Fahrzeuge. Sie übernehmen sogar ganze Logistikketten.

Bei diesen Neugründungen, wie der etwa die Münchner E-Chain Logistics, bilden Logistikunternehmen und IT-Dienstleister, in diesem Fall Dachser und die CSC Ploenzke AG, ein Joint Venture, das verschiedene Unternehmen am Markt für kurze Zeit bündelt, um Komplettlösungen, wie die Lieferung von Waren in die ganze Welt und unter Umständen auch die Rücknahme und Entsorgung der verbrauchten Güter zu übernehmen. Möglich ist das, weil die Geschäftsabwicklung zwischen Unternehmen mittlerweile weitgehend in elektronischen Netzwerken stattfindet und ein Großteil der Waren auf virtuellen Marktplätzen umgeschlagen wird. Durch die Optimierung von Prozessen und die Verknüpfung von Unternehmen oder Unternehmensteilen durch die Anwendung von Informationstechnologien soll ein möglichst reibungsloser Wertschöpfungsprozess gebildet werden. Der Dienstleister übernimmt dabei die Planung und Steuerung aller logistischen Aktivitäten vom Lieferanten bis zum Endkunden.

"Diese Konzepte werden derzeit in der Branche groß diskutiert und alle schreiben sich das Supply Chain Management auf die Fahnen", sagt Inga-Lena Darkow vom Bereich Logistik an der TU. Doch häufig fehlt es bei den Speditionen am nötigen IT-Wissen. Entweder holen die Firmen sich das Know-how durch Joint Ventures mit IT-Firmen oder sie bauen diese Bereiche selbst auf.

IT-Spezialisten sind in der Logistik gefragt, denn im E-Business-Bereich werden große Gewinne erwartet. Auch im E-Commerce geht es ums Internet und die Optimierung von Prozessen. Hier kämpfen die Logistiker vor allem mit dem Problem der letzten Meile. Die per Internet bestellten Waren können zwar zu größeren Frachten zusammengestellt und versendet werden, doch die Auslieferung an den Endkunden funktioniert nicht so reibungslos wie gewünscht. Die Online-Shopper sind nur selten zuhause anzutreffen. Mehrfache Zustellversuche sind die Folge oder der Kunde muss sein Paket beim Logistikunternehmen selbst abholen.

Um die Nachteile für die Kunden zu minimieren und die Kosten der letzten Meile für die Logistikfirmen in erträglichen Grenzen zu halten, arbeitet die Branche an Alternativlösungen. Eines dieser Konzepte nennt sich "Tower 24" und wird derzeit in Dortmund erprobt. Dabei handelt es sich um einen Turm von Schließfächern, der an einem häufig frequentierten Ort errichtet wird. Dieses automatisierte Lagersystem kann von Dienstleister und Paketempfänger über einen Terminal bedient werden. Der Lieferant bestückt die Box und sendet dem Kunden die E-Mail, dass er seine Einkäufe auf dem Heimweg abholen kann.

Ein anderes Konzept nutzt Geschäfte mit langen Öffnungszeiten, wie Tankstellen, Sonnenstudios und Videotheken als Abholpunkte. Die Münchner Firma Shopping Box experimentiert dagegen mit verschließbaren Großbriefkästen, die entweder am Haus des Empfängers oder in Räumen von Wohnanlagen installiert und dann von Lieferanten und Empfänger genutzt werden können.

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