Zeitung Heute : Global lokal

Immer wissen, was los ist: Mit digitalen Städteblogs von Kopenhagen bis Miami lassen die Unlike-Media-Gründer den gedruckten Reiseführer alt aussehen

Constantin Peyfuss, 70er-Jahre-Brille zu dunkelblauem Dufflecoat und Bootsschuhen, hat die Gutenberg-Galaxie schon lange verlassen. Er spricht in eloquentem Denglisch über „Lodging-Möglichkeiten“ oder „heiße Spots“ und Freunde in London, Barcelona oder Tokio als wären es seine Türnachbarn. Der 43-Jährige ist Chefredakteur bei Unlike Media, einem Online Travelguide für die mobile Generation, für die Facebook-Freunde und Twitter-Gemeinschaft – eine Reiselektüre für das globale Dorf.

Peyfuss zieht sich eine „Beedies“ aus der Manteltasche, das sind indische in Tendublätter gerollte Zigaretten, und erzählt von seinen Reisen und von Städten, die er als Arbeitsnomade schon bewohnte. In sämtlichen Metropolen wartet ein Netzwerk von Freunden auf ihn, das ihn mit Insidertipps versorgen und durch die Infrastruktur der Stadt navigieren kann. Der gebürtige Wiener ist ein globaler Lokalist. Nur einmal in Miami war er aufgeschmissen. Kein Freund vor Ort und den Baedecker, ein Klassiker unter den gedruckten Reiseführern, hatte er schon aus jahrelanger Gewohnheit nicht mehr im Gepäck. Und nun?

Mit seinen Freunden, den Berlinern Marley Fabisiewicz, 40, und Stefan Liske, 43, gründete er 2008 die Unlike Media Ltd. in Berlin. Beides kreative Köpfe, die unter anderem als Chefredakteur für das Lowdown Magazin oder bei BMW als Innovationsdesigner tätig waren. Sie entwickelten einen Städteblog für die Hauptstadt mit Tipps und Touren, die sie auch an ihre Freunde weitergeben würden. „Der Berlinguide war der Hauptgrund für die Gründung, dass sich das dann global weiterführen lässt, war quasi nur die Folge“, so Peyfuss, der schon als Artdirektor und Redakteur für Gruner und Jahr oder Ahead Media gearbeitet hat. Für den Berliner Städteführer wurden System und Software entwickelt. Mittlerweile bietet das Unlike-Repertoire 13 Städte (inklusive Miami!) von Kopenhagen bis Kapstadt, die man sich als iPhone-Applikation mit einem Klick auf das Smartphone laden kann. Der digitale Concierge dirigiert dann Fahrt- bzw. Laufrichtung.

„Mit dem mobilen Guide ist man up to date. Der gedruckte Guide ist ja eigentlich am Tag der Drucklegung schon wieder veraltet“, sagt Peyfuss. Da kann der Koch im Restaurant gewechselt haben oder die Ausstellung in der Galerie ist vorbei. Die schnelllebigen und trendigen Clubs, Restaurants oder Veranstaltungen vor Ort können in einem klassischen Reiseführer nicht abgebildet werden. Viele Locations, die man bei Unlike findet, gelten als lokale Geheimtipps. Die Inhalte werden täglich aktualisiert. Der Eventkalender steht dem der gängigen Stadtmagazine nicht nach. Allerdings findet man weder das Programm der Multiplexkinos noch das klassischer Bühnen. Dafür aber ausgewählte „Screenings“ von Programmkinos wie Arsenal oder Lichtblick in Berlin sowie temporäre Galerieausstellungen.

Die stereotypen Sehenswürdigkeiten muss man hinter den Kategorien Shop, Club, Bar, Food, Hotel, Culture, Art oder Wellness suchen. An einigen Klassikern kommt man nicht vorbei. Interessanter sind aber die erweiterten Kategorien Thrills oder Escapism: Da verbirgt sich die „Panzer Fun Fahrschule“ im Berliner Umland oder ein Stelzenhaus in der südafrikanischen Wildnis. Außerdem gibt es spezialisierte Führer für die Vintage- und Vinyljagd oder den Architekturrundgang von den Stararchitekten Graft.

Orientierung wird themen- und personenbezogen geboten. Ortskundige Musikproduzenten, Filmschaffende, DJs oder Schauspieler wie Schaubühne-Star Lars Eidinger stellen zum Beispiel ihre persönlichen Berlintouren mit der Rubrik „25h“ vor. Mit der Funktion „mytour“ kann der User über die Seite browsen, so seine ganz private Tour planen und global so tun, als ob er sich lokal auskennt.

Für den Online-Travelguide arbeitet ein Team von sechs festen Mitarbeitern sowie einigen Freiberuflern im Berliner Büro. Zudem ist ein weltweites Netzwerk urbaner Rechercheure ständig auf der Suche nach Zeitgeistigem, Abwegigem und den Insignien des Individuellen. Die Informationen sind redaktionell ausgewertet, der lockere Ton (in englischer Sprache!) sorgt für eine unterhaltsame Lektüre. Hier kann selbst ein Berliner nicht nur Informatives über ferne Orte finden, sondern noch den einen oder anderen originellen Hauptstadttipp.

Auch ohne aktive Marketingunterstützung sind die Userzahlen stetig gewachsen. Nach eigenen Angaben zählt Unlike Media zurzeit 450 000 PIs pro Monat. Die klassischen Online-Reisemagazine wie Marcopolo.de oder Lonelyplanet.com liegen mit monatlich 3,5 Millionen PIs deutschlandweit oder 36 Millionen PIs weltweit deutlich darüber. Da ist also noch Spielraum nach oben – ist eben ein Geheimtipp.

http://unlike.net

Der Berlinguide war der Hauptgrund für die Gründung. Dass sich das dann global weiterführen lässt, war quasi nur die direkte Folge.“

Constantin Peyfuss, Unternehmensgründer

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