Zeitung Heute : Global Village oder Potemkinsche Dörfer?

NIKOLAI KLIMENIOUK

Es gibt kaum einen Ort, der sich stärker vom wirklichen Rußland unterscheidet wie das virtuelle Rußland im Internet.Offline herrscht Chaos, Dilettantismus und allgemeine Lustlosigkeit, online dagegen Enthusiasmus.Und während auf Rußlands Straßen Neonazis marschieren, die von der Zentralmacht toleriert und von den Behörden in der Provinz nicht selten unterstützt werden, scheinen die Bewohner des russischen Internets den Rechtsextremismus satt zu haben.

Wer eine der bekanntesten Adressen der sogenannten Nationalpatrioten www.ruspatriot.com ansteuert, eine Sammlung aggressiv rassistischer Schriften und Parolen, findet stattdessen einen Text mit folgendem Inhalt: "Tod dem Faschismus! Ungeehrte und verachtete Faschisten! Wir sind nicht mehr bereit, eure Anwesenheit im Internet zu dulden.Vor etwa einem Monat haben russische Hacker die Adresse der Rechtsradikalen gestohlen.Die ursprünglichen Daten wurden zwar nicht gelöscht, aber unzugänglich gemacht.Rund 1,3 Millionen Haushalte sind in Rußland ans Internet angebunden.AOL geht üblicherweise von drei Anwendern pro Anschluß aus, in Rußland dürften es wesentlich mehr sein.Gebremst wird die Online-Lust der Russen von fehlenden Modems und Rechnern sowie von den maroden Telefonleitungen, die für die schnelle Übertragung großer Datenmengen nicht geeignet sind.

Der St.Petersburger Dichter Viktor Kriwulin beklagte sich im Februar in der "FAZ" über die chaotischen Zustände im russischen Netz: Man könne keine Bankgeschäfte online erledigen, nicht zivilisiert einkaufen, die Literatur im Internet sei von schlechter Qualität und die Ressourcen schwer zu finden.Es ist wahr, die sonst allgegenwärtigen russischen Banken sind im Internet mit ihren zweifelhaften Leistungen nur sehr mager vertreten.Der virtuelle Rubel ist eben noch unseriöser als der wirkliche.

Das Angebot an Nachrichten, Kultur und Politik ist dagegen vielfältig und gut sortiert.Eine gute Internetseite lebt von Links, und auf den Homepages russischer Provider und Medien wimmelt es nur so von Verweisen.Zum Beispiel auf die Homepages von Zeitschriften, deren Auflage seit der Finanzkrise im August drastisch gesunken ist, deren Online-Versionen dafür aber immer handlicher und vollständiger werden.Manche Periodika, die ursprünglich als nicht-gewinnorientierte Kulturprojekte entstanden, sind mittlerweile aus der wirklichen Welt verschwunden, existieren aber weiterhin im Netz.Es fällt auf, daß gerade da, wo es am bittersten an Geld mangelt, besonders viel Aufmerksamkeit dem virtuellen Netz gewidmet wird.Die vom Kulturministerium vernachlässigten Museen sind in einer hervorragenden zweisprachigen Datenbank ( www.museum.ru ) erfaßt und bieten ihre Räume und Schätze für virtuelle Führungen an.Die an Einfluß verlierenden Politiker wie die Reformer Kirijenko und Nemzow, aber auch der Extremist Schirinowski, pflegen auf ihren Sites den zivilisierten Umgang mit dem Wahlvolk und miteinander.Unfreiwillig denkt man an die Potemkinschen Dörfer.Dies trifft aber nur zu, wenn man sich nicht den Mythen verschreibt, sondern der historischen Wirklichkeit zuwendet.Denn dem Fürsten Potemkin ging es nicht darum, die Zarin auf ihren Reisen zu täuschen, als er die Musterdörfer bauen ließ.Er wollte sein wirtschaftliches Projekt präsentieren.Die blühenden Landschaften waren keine Trug- sondern Traumbilder - eine virtuelle Vorführung von Rußland, wie es sein sollte.

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