Zeitung Heute : Globale Sehnsucht nach Frieden

Wolfgang Schäuble

TRIALOG

Weihnachten steht vor der Tür. Und auch dort, wo die frohe Botschaft von der Menschwerdung Gottes, seiner Geburt in einem Stall bei Bethlehem und der uns damit geschenkten Erlösung nicht mehr ankommt, gilt Weihnachten als das Fest des Friedens. Die Adventszeit, wenigstens aber die Weihnachtstage sollen vor allem friedfertige Tage sein, eine Zeit der Ruhe und der Besinnung, in der Familie wie in der Politik.

Suchte man nach dem einen Wunsch, der die Menschen weltweit vereint, wäre dies mit Sicherheit die Sehnsucht nach Frieden. Die Wirklichkeit aber zeugt eher vom Gegenteil: Spannungen, Konflikte, Krisen, Kriege, Gewalt und Grausamkeiten allenthalben. Medien tragen die Information hierüber heute in fast jeden Winkel der Erde. So haben die meisten Menschen Ahnung vom Unfrieden in der Welt, und je mehr sie davon wissen, umso mehr sehnen sie sich nach Frieden. Dennoch scheint die Welt unfriedlicher denn je, und die Zukunft eher düster.

Wir alle spüren Verunsicherung: Einerseits rückt die Welt immer näher zusammen, verschwimmen Grenzen zwischen nah und fern, eröffnen sich Chancen für Information, Wissenschaft, Wirtschaft und vieles mehr. Andererseits aber intensivieren sich Gefahren und Herausforderungen im selben Maße. Beides gehört zusammen und wird unsere Zukunft unwiderrufbar prägen. Das wirkt aber auch erdrückend, macht orientierungslos, skeptisch, zaghaft und sogar etwas mutlos. Man hat den Eindruck, die Beschleunigung der Welt könnte uns allmählich überholen. Es wird immer anstrengender, ein gesundes Tempo und Maß zu finden, unsere Grenzen zu erkennen, Heimat und Geborgenheit zu erleben, kurzum: einen friedlichen Platz in der globalisierten Welt zu finden.

Aber trotz aller Rückschläge im täglichen Bemühen um Frieden gibt es auch Hoffnungsvolles. Ob weltpolitisch die Ergreifung Saddam Husseins, ob bundespolitisch die schlussendliche Einigung im Vermittlungsausschuss über ein notwendiges Minimum an Reformen – immer wieder geben Teilerfolge und noch so kleine Schritte in Richtung auf mehr Frieden Anlass zu Hoffnung.

Dabei ist klar, dass Frieden immer unvollkommen ist. Und wo Frieden erreicht scheint, bleibt er gefährdet und zerbrechlich. Eine hundertprozentig befriedete, nur von Einigkeit und gegenseitigem Wohlwollen bestimmte Welt muss Utopie und deshalb dem Paradies vorbehalten bleiben. Umso wichtiger sind daher die vielen kleinen Verbesserungen und Anstrengungen für friedlichere Zustände im Privaten wie in der Politik.

Millionen Menschen führen das Wort Frieden täglich im Mund. Im Arabischen und im Hebräischen grüßt man sich mit „Frieden“, und auch für uns Christen ist der bewusst friedliche Umgang mit unseren Mitmenschen oberstes Gebot – und zwar in einem Verständnis, das eng mit Vertrauen und Mitgefühl verbunden ist: „Friede sei mit Dir!“

In Schillers „Wallensteins Tod“ heißt es: „Krieg ist ewig zwischen List und Argwohn, nur zwischen Glaube und Vertrauen ist Friede.“ Glaubwürdigkeit und Vertrauen also als die wesentlichen Voraussetzungen und als Aufgabe für alle, die Frieden schaffen wollen. Frieden ist nicht zu trennen von Freiheit, nur zu bewahren im Bemühen um Gerechtigkeit und in der Bereitschaft zu Wehrhaftigkeit, und dies geht alles nicht ohne Mitgefühl und Vertrauen. Ich bin guter Dinge, dass wir es schaffen können, auf diese Weise auch die globalisierte Welt friedlich zu gestalten – ein Weihnachtswunsch, ebenso wie Aufgabe für deutsche und europäische Politik.

Der Autor ist Präsidiumsmitglied der CDU.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben