Glos-Nachfolge : Warum ausgerechnet Guttenberg?

Karl-Theodor zu Guttenberg übernimmt von Michael Glos das Wirtschaftsministerium. Warum er?

Robert Birnbaum
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Rainer Brüderle, wenn er ernsthaft sauer ist, kann ziemlich bissig werden. „Herr von und zu Guttenberg war bisher Außenpolitiker, dann Wahlkampfmanager“, schimpft der FDP-Mann am Montag. „Offenbar genügt es der Union, dass man lesen und schreiben kann, um Wirtschaftsminister zu werden.“ Das ist nicht ganz richtig. Man muss aktuell möglichst auch aus Franken stammen. Als Horst Seehofer den künftigen Bundesminister für Wirtschaft und Technologie in München vorstellt, macht der CSU-Chef gar kein Hehl daraus, wie eminent wichtig der Regionalproporz ihm war: Oberstes Ziel sei es gewesen, dass der Bewerber qualifiziert sei, „aus dieser nördlichen Region“ stamme – und dass es schnell gehe.

Wenn man diese Reihenfolge umdreht, entspricht sie sogar noch ein bisschen mehr der Wahrheit. Vor allem musste es schnell gehen. Wirtschaftsminister Michael Glos hatte Seehofer mit seinem Rücktrittsangebot überrumpelt. Der CSU-Chef versichert zwar, dass er „volles Vertrauen, politisch und menschlich“ zu Glos habe und dass da „nichts zurückbleiben“ werde.

Aber die grimmige Ausführlichkeit, mit der er den Ablauf dieser Demission schildert, straft die Floskeln Lügen: Wie er völlig ahnungslos mitten in der Münchner Sicherheitskonferenz von Journalisten angesprochen wird, was er zu Glos’ Rücktritt sage, den die „Bild am Sonntag“ gerade vermeldet hat; wie er in der Staatskanzlei eigenhändig die Faxgeräte durchsucht habe nach Glos’ Demissionsschreiben; wie er schließlich darauf gekommen sei, in Ingolstadt bei Frau und Tochter anzurufen, und dort war der Brief dann wirklich. „Dass das nicht schön war, ärgerlich, ist klar.“ Seehofer ist die Wut darüber, dass ihn einer derart unter Zugzwang gesetzt hat, bei aller Beherrschung immer noch anzusehen.

Der Regionalproporz war Faktor Nummer zwei. Die Animositäten zwischen Franken und Altbayern sind lange eher folkloristisch ausgetragen worden. Seit Seehofer ins Amt kam, sind sie harte politische Fakten. Weil er den Franken Günther Beckstein als Ministerpräsident verdrängt hat, muss sich der Partei- und Regierungschef des Verdachts erwehren, dass jetzt die Oberbayern die Macht im ganzen Land an sich ziehen. Ginge es nur um schlechte Laune zwischen Würzburg und Nürnberg, könnte Seehofer damit leben. Wut kostet aber Wählerstimmen.

Wenn nun der Oberbayer Peter Ramsauer von seinem ungeschriebenen Recht als CSU-Landesgruppenchef in Berlin Gebrauch gemacht hätte, die Nachfolge des Franken Glos zu beanspruchen, wäre die mühsam balancierte Regionalwaage arg aus dem Lot geraten. Praktischerweise wollte Ramsauer nicht. Das trägt ihm eine längere Eloge seines Parteivorsitzenden ein, die mit dem Satz endet: „Peter Ramsauer hat damit auch einen Beitrag geleistet, dass die regionalen Gesichtspunkte ausreichend berücksichtigt werden konnten.“

Die Stammesfehden gaben zuletzt auch den Ausschlag dafür, dass Karl- Theodor zu Guttenberg zum Zug kam und nicht Georg Fahrenschon. Der wäre als langjähriger Finanzpolitiker in der Fraktion in Berlin und jetziger Landesfinanzminister vom Fach gewesen. Aber Seehofer braucht daheim einen, der ihm die Probleme der Landesbank weit vom Leibe hält – und außerdem ist Fahrenschon nun einmal Oberbayer.

Womit Faktor drei ins Spiel kommt, die Qualifikation. Der heikelste Punkt, denn jenseits aller Polemik hat der Freidemokrat Brüderle ja recht: Guttenberg war in Berlin ein gut informierter und engagierter Außenpolitiker, er hat es in den drei Monaten als CSU-Generalsekretär verstanden, die berufstypische Polemik nicht in tumbes Haudrauftum abgleiten zu lassen – aber seine Erfahrung in Wirtschaftsfragen ist äußerst begrenzt. Der adelige Dr. jur. mit Prädikatsexamen hat eine Zeitlang in der Leitung des Familienunternehmens gesessen, einer Großhandelsfirma für Rigipsplatten und ähnlichen Baubedarf, und war bis 2002 im Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum AG. Das war’s aber an Vorbildung. Erfahrung im Umgang mit einem Großapparat wie dem Bundeswirtschaftsministerium fehlt ihm. Dass Seehofer sein fließendes Englisch hervorhebt, ist mehr der Verlegenheit geschuldet, überhaupt irgendetwas an fachlicher Qualifikation vorzubringen.

Tatsächlich gehen der Neue und sein Chef ein erhebliches Risiko ein. Seehofer benennt es selbst: „Sie müssen sich das mal vorstellen: 37 Jahre, Bundeswirtschaftsminister zu einem Zeitpunkt, wo die ganze Welt vor der Herausforderung einer Wirtschafts- und Finanzkrise steht!“ Wo aber vor allem – was der CSU-Chef zu erwähnen irgendwie vergisst – die Union um ihre angestammte Wirtschaftskompetenz fürchten muss. Glos hat, wiewohl selbst im Amt schwach, durch seinen vorzeitigen Abgang die Lücke noch sichtbarer gemacht, die in der CDU, aber auch der CSU klafft. Seehofer behauptet zwar, dass die Partei vom Personal her eine ähnliche Situation nicht gerne, doch trotzdem gut noch ein paar Mal überstehen könnte. Doch derlei Sprüche sind Überbleibsel bajuwarischer Kraftmeierei. In Wahrheit ist die Personaldecke so dünn, dass Guttenberg zum zweiten Mal im Vierteljahr zum Senkrechtstarter werden konnte.

Leise Ehrfurcht vor der eigenen Courage ist dem Neuen bei der Vorstellung anzumerken: Er sei sich der Größe der Herausforderung bewusst; mit „Mut, Zuversicht und Bodenhaftung“ wolle er sie angehen. Selbstbewusstsein zeigt er aber auch. „Ein Bundesminister ist zuerst mal einer Bundesregierung verpflichtet“, antwortet er auf die Frage, ob er sich als verlängerten Arm Seehofers in Berlin sehe. Zu Sachfragen will er noch gar nichts sagen, schon gar nicht zu so kniffligen wie der nach Staatshilfen für die angeschlagene Schaeffler-Conti-Gruppe. Die Frage kommt ohnehin schnell auf ihn zu – und mit ihr so oder so unpopuläre Entscheidungen.

In der Krise liegt zugleich Guttenbergs Chance. Eins kann er nämlich: reden. Seit Friedrich Merz von Bord gegangen ist, fehlt es der Union schmerzlich an einem, der ihr ökonomisches Credo überzeugend unter die Leute bringt. Norbert Röttgen hält zwar diese Fahne hoch; doch als Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion kann er die Ehrenrettung der sozialen Marktwirtschaft nur im Nebenjob betreiben. Für Guttenberg kann sie im Wahlkampf-Halbjahr zur Hauptbaustelle werden. Die wenigen Sätze, mit denen er sich vorstellt, drehen sich denn auch ums Grundsätzliche: Für ihn sei die soziale Marktwirtschaft kein Mittelding zwischen Sozialismus und Liberalismus, sondern „wertegebundene Wirtschaftsordnung“ aus eigenem Recht. Indes: „Wir sind in einer Phase, wo kein Lehrbuch die Regeln vorgibt.“

Gleich am Freitag in der Debatte zum Konjunkturpaket wird der Neue zeigen können, was er inhaltlich und rhetorisch drauf hat. Ramsauer hat ihm seinen Rednerplatz abgetreten. Dass Guttenberg sich von Seehofer als Preis für den waghalsigen Karrieresprung ausbedungen habe, nach der Bundestagswahl den Landesgruppenvorsitz zu übernehmen, bestreiten übrigens alle Beteiligten. Was wenig heißt – der jüngste Bundeswirtschaftsminister aller Zeiten hat, wenn er seine Sache gut macht, alle Chancen auf einen Spitzenjob auch nach der Wahl. Dass er entschlossen zugreifen kann, hat Guttenberg gezeigt, als er mit einer forschen Rede im Handstreich den Bezirksvorsitz in Oberfranken gewann.

Seehofers Segen jedenfalls hat er vorerst: „Jetzt bin ich mal gespannt. Der hat das Zeug.“ Die neue zweite Chefin hofft auf „exzellente“ Arbeit. Angela Merkel wäre freilich erkennbar auch schon ganz glücklich, wenn der Neue schlicht unfallfrei bleibt: Der künftige Wirtschaftsminister werde das Amt „zu unser aller Zufriedenheit“ versehen, hofft die Kanzlerin.

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