Glos-Nachfolge : Wirtschaftskrise in der Union

Nach dem Rücktrittsgesuch von Wirtschaftsminister Michael Glos suchen CDU und CSU nach einer Strategie bis zur Wahl. Ein Nachfolger ist noch nicht gefunden.

Rainer Woratschka

BerlinBerlin - Der Amtsverzicht von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) hat die Union in schwere Krise gestürzt. Nach einem Tag hektischer Beratungen willigten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und CSU-Chef Horst Seehofer am Sonntag ein, den Rücktritt zu akzeptieren. Glos wird Merkel am Montag offiziell um die Entlassung bitten. Seehofer wollte sich nach Meldungen mehrerer Nachrichtenagenturen erst an diesem Montag nach weiteren Beratungen der engsten Parteispitze für den bayerischen Finanzminister Georg Fahrenschon oder CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg als Nachfolger von Glos entscheiden. Guttenberg ist erst seit drei Monaten als CSU-Generalsekretär im Amt

Seehofer hatte Glos am Samstag zunächst aufgefordert, im Amt zu bleiben. In der CSU-Spitze hieß es aber, der Parteichef habe damit vor allem Zeit gewinnen wollen. CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer lehnte die Nachfolge ab. Schatzmeister Thomas Bauer disqualifizierte sich für den Posten, als er sich nach einem Telefonat mit Seehofer am Sonntag selbst als Nachfolger ins Gespräch brachte.

Glos verzichtete inzwischen auch auf den Bezirksvorsitz in Unterfranken und machte damit deutlich, dass er mit der Parteipolitik abgeschlossen hat. Auslöser seines spektakulären Abgangs war offenbar, dass Seehofer nach einem Bericht des „Donaukurier“ offen über Glos’ Ablösung nach der Bundestagswahl und einen Nachfolger gesprochen hatte. Der Minister hat sich aber schon länger von Merkel übergangen und von Seehofer gemobbt gefühlt. Bei einer Parteiveranstaltung bezeichnete Glos sein Rücktrittsgesuch am Sonntag als Beitrag, um politisches Vertrauen in die CSU zurückzuerobern.

Die SPD wertete die Affäre als Beleg dafür, dass Merkel die Führung entglitten sei. KanzlerkandidatFrank-Walter Steinmeier sagte der ARD: „Da muss wieder Ordnung geschaffen werden.“ Mitten in der Wirtschaftskrise sei es „mehr als unglücklich, dass wir um die Zukunft des Wirtschaftsministers diskutieren“. Steinmeier hatte der Kanzlerin zuvor im „Spiegel“ vorgeworfen, sich von der CSU „auf der Nase herumtanzen“ zu lassen.

Auch in der Union wird befürchtet, dass der beispiellose Abgang des Wirtschaftsministers die Zweifel an der Kompetenz von CDU und CSU verstärkt und der FDP weitere Wähler zutreibt. Merkels Vizes Jürgen Rüttgers (NRW) und Christian Wulff (Niedersachsen) hatten sich obendrein am Wochenende einen Schlagabtausch über den Wirtschaftskurs geliefert.

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