Glos-Rücktritt : Der Brief mit der Bombe

Er ist kurz, er ist höflich. Doch er endet mit einem explosiven Satz. Der Rücktrittsbrief von Wirtschaftsminister Michael Glos sollte vor allem einen treffen: einen Antreiber – und aus dem einen Getriebenen machen.

Robert Birnbaum
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Das Orientierungslos. Michael Glos, Samstagnacht auf dem Ball des Sports in Wiesbaden. Das Motto der Veranstaltung: „Der Lauf der...

Eigentlich, wenn man so zurückdenkt, hat der Michel Glos in all den Jahren niemals laut und deutlich „Ich“ gesagt. Zuletzt haben sie auch noch angefangen, ihm das vorzuwerfen. Ein Bundeswirtschaftsminister, ein Nachfahr Ludwig Erhards, der muss doch „Ich“ sagen und „Ich will“! Glos hat aber nur hin und wieder „Ich hätte gerne“ gebrummelt und ganz, ganz selten mal so etwas wie „He, ich bin auch noch da!“ Keiner hat zugehört. Da hat er sich hingesetzt und einen Brief an seinen Parteivorsitzenden geschrieben. Er endet mit dem Satz: „Ich bitte dich, mich von meinen Ministerpflichten zu entbinden.“ Es ist ein Sprengsatz. Und er fängt mit einem „Ich“ an.

Die Bombe ist genau platziert und auf größtmögliche Splitterwirkung berechnet. Wem sie in erster Linie gilt, darüber gibt ein Detail Aufschluss. Glos hat seinen Rücktrittsbrief am Samstag an Horst Seehofer geschickt – nach Ingolstadt. Seehofer ist aber bekanntermaßen gar nicht zu Hause gewesen, sondern in München bei der Sicherheitskonferenz. Die „Bild am Sonntag“-Meldung über Glos’ Schritt ist schneller als der Brief. Seehofer wird kalt erwischt. Mit fassungslosem Gesicht murmelt er etwas von „… erst mal mit ihm telefonieren …“ und verschwindet in Richtung Staatskanzlei. Hinterher bleibt er einsilbig: „Ich habe Michael Glos in einem Telefonat mitgeteilt, dass ich dieser Bitte nicht entspreche.“ Das ist natürlich Quatsch. Es ist bloß der Versuch, die Initiative zurückzugewinnen und ein paar Stunden Zeit.

An Angela Merkel hat Glos nicht geschrieben, sondern sie angerufen und in Kenntnis gesetzt. Für Liebhaber staatsrechtlicher Feinheiten ist das insofern bemerkenswert, als formal nicht der CSU-Chef über Kabinettsposten entscheidet, sondern die Kanzlerin. Diese letzte Peinlichkeit, sein Gesuch förmlich annehmen oder abweisen zu müssen, erspart er ihr. Mehr aber auch nicht. Die Union, ein Hort der Stabilität in der großen Koalition? Die Union, der Hort der Wirtschaftskompetenz? Die Kanzlerin, geschickte Moderatorin der Konflikte? Alles dahin mit diesem einen Satz. Merkel hat Glos gesagt, dass sie seinen Rücktritt nicht brauchen kann. Das weiß der selber. Es ist ihm inzwischen egal.

Um die Motive dieses beispiellosen Polit-Amok zu verstehen, braucht es keinen Hellseher. „Er hat die Schnauze schon viel länger gestrichen voll“, sagt ein Parteifreund. Drei Dinge sind zusammengekommen: ein Amt, das zu ihm nicht passt, eine Kanzlerin, die es ihm noch erschwert, zuletzt ein Parteichef, der ihn mobbt. „Es ist nicht leicht, in einer großen Koalition Wirtschaftsminister zu sein“, hat er noch am Freitag am Rande einer dieser Veranstaltungen gesagt, die zu besuchen zu seinen Amtspflichten gehörte und auf denen er immer rumstand wie ein betrübter Schrank, den jemand vergessen hat wegzuräumen. „Schlaftablette auf zwei Beinen“, hat Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn einmal gespottet. Niemand hat offensiv widersprochen.

Es hat ihm ja auch so gar keinen Spaß gemacht. Der Franke ist immer ein Spezialist des parlamentarischen Hintergrundspiels gewesen, als junger Haushälter, später mehr als ein Jahrzehnt lang als CSU-Landesgruppenchef. Das war sein Idealjob; ein Generalist, von dem niemand umfassende Detailkenntnis erwartete, alle Strippen hinter den Kulissen in Reichweite, aber frei von der Verantwortung des Entscheidens. Frisch ministriert stand er mal neben seinem Nachfolger Peter Ramsauer, hat ihn wehmütig angeschaut und geseufzt: „Mei, Ramses, hast du’s gut.“ Ramsauer hat sich den Blick und den Satz gut gemerkt und versucht seither zu vermeiden, dass ihn ein Ministeramt zur Unzeit ereilt.

Es gehört übrigens zur Ironie dieser Geschichte, dass Glos sich den ungeliebten Kabinettsposten selbst eingebrockt hat. Der Landesgruppenchef war es, der den zappelnden Zauderer Edmund Stoiber 2002 zur Kanzlerkandidatur trieb. Als Stoiber vier Jahre später wieder Angst vor der eigenen Courage bekam und aus Berlin floh, konnte sich Glos der Kleiderordnung nicht entziehen. Gepasst hat der Anzug nie. Das Fachliche hat Staatssekretär Walther Otremba erledigt.

Und dann also Merkel. Früher haben sie sich gut verstanden, sie hat seinen Rat geschätzt, er hat ihr geholfen, auch schon mal gegen Stoiber und die Münchner. Seit sie Kanzlerin ist, vertritt sie aber eine Spezialform des Sozialdarwinismus: Wer unter Merkel etwas werden will, muss schon selber sehen. Im vorigen November, die Wirtschaftskrise nahm gerade Anlauf, hat sich Glos einmal öffentlich darüber beschwert, dass Merkel nur den Finanzminister Peer Steinbrück von der SPD mit vor die Kameras nahm: Die „Dirigentin der Regierung“ fordere seinen Einsatz zu wenig. Merkel hat nicht reagiert. Vielleicht hat sie gedacht, der Glos, der ist am Ende ja doch immer loyal gewesen.

Ja, und zuletzt also Seehofer. Noch so ein Sozialdarwinist. Illusionen über den neuen starken Mann der CSU hat sich Glos nie machen können. Als Seehofer noch in der Landesgruppe saß, ging da das geflügelte Wort um: „Horst Seehofer hat ein sehr einfaches Programm. Es heißt: Horst.“  Schon im Dezember hat er den Minister Glos im CSU-Vorstand, also praktisch öffentlich, angerempelt, weil der ihm nicht forsch genug war beim Steuerreform-Kesseltreiben gegen die CDU. Intern ist von da an immer wieder kolportiert worden, wie unzufrieden der Parteivorsitzende mit der Performance seines ersten Manns im Kabinett sei.

An diesem Freitag aber erscheint im „Donaukurier“, Seehofers Ingolstädter Hausblatt, ein kleiner Bericht. Der Unternehmer und CSU-Schatzmeister Thomas Bauer, heißt es da, solle nach der Bundestagswahl für die CSU in die Regierung, es liefen schon Gespräche mit Merkel. Die Zeitung hat sich dazu ein Zitat von Seehofer geben lassen. Es lautet nicht etwa: „Was fällt Ihnen ein, wir haben doch den Minister Glos!“ oder so ähnlich. Es lautet: „Es sind ein Dutzend Namen im Gespräch, und ich werde keinen davon kommentieren.“

Da hat Glos seinen Brief geschrieben, allein, ohne sich mit irgendjemandem von den Wichtigen abzustimmen. Es ist ein kurzer, höflicher Brief, in dem von Erneuerung, Gestaltungskraft und Glaubwürdigkeit die Rede ist. Nur ein winziger Hinweis lässt die Wahrheit erahnen. „Bereits vor dem großen Neuanfang in der Bayerischen Staatsregierung und an der Parteispitze hatte ich dir angeboten, auch über mein Ministeramt disponieren zu können“, schreibt Glos. Das Adjektiv „groß“ wäre nicht dringend nötig gewesen. Großer Neuanfang. Aha.

Am Samstagabend taucht ein sehr entspannter Michael Glos in Wiesbaden auf, mit Smoking und Fliege und seiner Frau Ilse. Der Ball des Sports steht dieses Jahr unter dem Motto „Der Lauf der Welt“. Am Rand der Tanzfläche ruft ihm einer zu, ob er nicht kurz was sagen könne zu seinem Rücktritt, und überhaupt? Glos setzt sein bärbeißiges Lächeln auf. „Wie jedes ordentliche Mädchen habe ich das Recht, ,Nein’ zu sagen“, sagt er und verschwindet im Trubel. Er begehe in diesem Jahr den 65. Geburtstag, hatte er Seehofer als amtliche Begründung für den Rückzug geschrieben. Für einen Abschied aus Altersgründen tanzt er ganz schön flott.

Die Begründung ist aber noch aus einem anderen Grunde listig: Der Geburtstag lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Den kann nicht mal mehr Horst Seehofer verhindern. Ohnehin ist nach einer ganzen Reihe hektischer Telefonate in München klar: Die vorläufige Verteidigungslinie wird rasch brechen. Seehofer hat sich Zeit verschafft, als er das Rücktrittsgesuch im ersten Anlauf abwies; mehr aber nicht.

Bei den Christsozialen haben sie das spätestens begriffen, als am Samstagabend ein anderer Besucher des Sportlerballs im Fernsehen zu sehen war. Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerkandidat der SPD, will die Freude über die unverhoffte Schützenhilfe gar nicht verbergen. Die CSU, sagte Steinmeier und lächelte, befinde sich „im Hindernislauf“. Und wie der ausgehe – ja, das wisse doch er nicht!

Für Steinmeier und die SPD fügt sich das Ganze um so schöner, als der Kanzlerkandidat soeben im „Spiegel“ seine sonstige Zurückhaltung ein bisschen aufgegeben und die Kanzlerin Merkel attackiert hatte. CDU und CSU fehlten in der Krise die Orientierung, sagte er; wenn Merkel als Kanzlerin am Ende trotzdem die richtigen Entscheidungen treffe, „verdankt sie das der SPD“. Am Sonntag legt er nach: „Da muss wieder Ordnung geschaffen werden.“ Was für ein Wahlkampfgeschenk aber auch! Glos, der einst so treue Knappe, als leibhaftiger Beleg!

Die Frau im Kanzleramt schweigt. Was soll sie auch sagen? „Eine diffizile Situation“, sagt ein Regierungsmann. Merkel telefoniert, Seehofer telefoniert. Auch mit dem Unternehmer Bauer, woraufhin der Mann aus Schrobenhausen verkündet: „Wenn die Konstellationen passen, bin ich bereit.“ Selbstbewerbung gilt gemeinhin als sicherste Methode, sich selbst aus dem Rennen zu kicken. Bauer scheint das nicht gewusst zu haben. Aber die Zeit drängt, Seehofer muss die Lücke schnell füllen, jede Stunde kratzt an seinem Image. „Wenn sogar ein Glos schon eine Lücke hinterlässt …“ spottet bereits ein Kenner der CSU. Glos aber hat erreicht, was er wollte. Er hat Horst Seehofer, den Antreiber, zum Getriebenen gemacht. Das wenigstens noch einen Tag lang zu erleben, das muss es ihm wert gewesen sein, zum ersten und zum letzten Mal lautstark „Ich“ zu sagen.

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