Zeitung Heute : Glück schaffen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Wer heute zur Welt kommt, kann sich glücklich schätzen. Den 29. Februar wird es zwar nur alle vier Jahre geben, aber die Feten, die dann steigen, werden dafür besonders heftig sein. Normale Geburtstage plätschern ja oft nur so vor sich hin. Außerdem ist er oder sie ein Sonntagskind, und die gelten ja sowieso als Glückskinder. In dieser höchst seltenen Kombination kann man getrost davon ausgehen, dass sie sogar extraglückliche Sonnenscheinkinder werden.

Das wirft die Frage auf, wie sie wohl leben werden, wenn sie, sagen wir mal, 80 Jahre alt sind, und ein neues Jahrhundert sich wieder mit Riesenschritten nähert. Es soll hier nicht die Rede von Nullachtfuffzehn-Science-Fiction sein, den fast unverständlichen Technikschlachten der Filmindustrie. Sondern von ganz einfachen Lebensverbesserungen. Vor gut 100 Jahren träumten die Menschen von beweglichen Bürgersteigen und der Möglichkeit, sich eine Oper zu Hause anzuhören. In welche Ekstase würden sie wohl geraten, wenn man sie auf die Laufbänder im Frankfurter Flughafen stellte, ihnen einen Discman in die Hand drückte und die Wiederholung ihrer Lieblingsarie fest einprogrammierte?

Es ist sicher eine sehr sonntägliche Beschäftigung, einen Wunschzettel zu erstellen mit allen Erfindungen, die das Leben angenehmer machen können. Wenn man sie nur denkt, gibt man ihnen ja schon eine faire Chance, irgendwann wahr zu werden.

Ein globales Magnetbahnnetz wäre sicher nett. In zweieinhalb Stunden nach New York, in fünf nach Sydney, und dies ohne die Bodenhaftung zu verlieren, so dass man die Gegend anschauen kann. Auf jedem Sitz einen Computer, der auch gesummte Melodien sofort erkennt (Titel sowieso) und das dazu gehörige Stück auf Zuspruch mit den gewünschten Interpreten konzertsaalreif darbietet über Kopfhörer, die man bitte nicht spürt.

Gesundes, kalorienarmes (noch besser: -freies), vitaminreiches Fastfood. Das könnte man zwar auch heute schon haben, man müsste es aber auch wollen und breiten Massen schmackhaft machen.

Wohnungen, die sich selber putzen. Gnadenlose Reduktion des Alltagskrams, der bei allem Fortschritt doch meist an den Frauen hängen bleibt. Wenn die Frauen ihre Köpfe endlich frei haben, wird sich auch der Fortschritt wahnsinnig beschleunigen. Computer, die aufs Wort gehorchen und von ihren Nutzern kein mittleres Programmier-Studium erwarten. Also nichts weniger als das Ende der Gebrauchsanweisungen. Technische Geräte, die keine Passwörter brauchen, weil sie ihre Nutzer am Daumenprofil erkennen. Möbel, die sich selbst zusammenbauen. Medikamente ohne Nebenwirkungen. Einen internationalen Wettkampfplatz irgendwo in der Wüste, wo globale Streithammel ihren Zoff unter sich austragen müssen, ohne damit ihre Mitmenschen ins Unglück zu stürzen. So eine Kombination aus Zoo und Circus Maximus für Diktatoren und Größenwahnsinnige aller Art. Eintritt nur für über 25-Jährige, um zarte Gemüter nicht zu beschädigen.

Oh ja, es gäbe eine Menge zu erreichen. Einen Teil des Glücks schenkt dieser ganz und gar besondere Sonntag. Einen Teil werden sich seine Kinder noch erarbeiten müssen. 80 Jahre sind immerhin eine lange Zeit. Da kann man einiges schaffen.

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