Zeitung Heute : Glück suchen

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Über das Glück weiß ich Bescheid. Ich habe keines, aber zum Glück brauche ich auch keines.“ So hat das der kluge Wiener (natürlich gibt es so etwas!) Franz Schuh gesagt. Ohne dass ich die Angelegenheit so hätte auf den Punkt bringen können, beschloss ich im Herbst 1990, Croupier zu werden.

Auf die Idee brachte mich ein alter Sozialist. Da es mit dem Sozialismus nicht geklappt hatte, bleibe sowieso nichts weiter als das Glücksspiel, fand er. Und da sei es allemal besser, das Glück anderer zu verwalten und dafür ein regelmäßiges Salär zu empfangen, als selbst aufs Glück zu hoffen. Der Sozialist war, wie sollte es anders sein, beinharter Materialist, der Zusammenbruch seiner Sache hat ihn außerdem noch Realist werden lassen.

Ich war damals Nihilist und hatte nichts anderes vor, also meldete ich mich zur Croupiersausbildung an. Wie sich herausstellte war Nihilismus jedoch keine hinreichende Voraussetzung fürs Croupierhandwerk. Die Ausbilder verlangten unbedingtes Engagement, und eine Fingerfertigkeit, die nur zu erlangen war, wenn man man bis tief in die Nacht Jetonwurf, -fang und -schichtung trainierte. Bereits die Aufgabe, die Hände in einem Jetonhaufen derart kreisen zu lassen, dass sich zwischen den locker herabhänden Fingern Jetonwürste bilden, überstieg meine Fähigkeiten bei weitem. Ich beschloss, mich nicht weiter von dem Sozialistenrealismus kirre machen zu lassen und als Croupier-Kunde mein Geld zu verdienen. Mir war klar, dass man an so etwas vernünftig herangehen muss, also dachte ich mir eine supersichere Gewinnstrategie aus und limitierte meinen Einsatz auf 100 Mark. Nach 20 Minuten im Casino am Alexanderplatz gehörten sie dem Casino.

Seither habe ich mich mit dem Thema Glück nicht mehr befasst. Ich habe es nicht, und ich bin zu ungeschickt, es für andere zu verwalten. Sollen die anderen allein unglücklich werden.

Franz Schuh, Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche. Zsolnay Verlag, 24,90 Euro. Casino Berlin am Alexanderplatz, täglich 15-03 Uhr.

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