Zeitung Heute : Glücklich in Liliput

Immerzu Schwibbögen, Nussknacker, Engel und Räuchermännchen – für Verkäufer in Erzgebirgsläden ist 365 Tage im Jahr Weihnachten. In der Friedrichstraße macht eine ehemalige Hotelfachfrau den Job. Mit Liebe. Sie spricht über die Figuren, als seien sie kleine Lebewesen

Lothar Heinke

Schließen wir doch einfach für einen Moment die Augen und denken uns in den Sommer zurück: Berlin-Mitte. City Ost. Friedrichstraße. 35 Grad. Der Asphalt kocht. Die Sonne brennt. Die Eiskugeln laufen davon. Und plötzlich bleibt der Blick an einem Detail hängen, das nicht in diese Saison gehört: ein Räuchermännchen. Mehr noch: In zwei Schaufenstern türmen sich Pyramiden und Schwibbögen, Nussknacker und bunte Kugeln, Engel und Weihnachtsmänner. „Vielleicht ist es übertrieben, zu sagen, dass wir 365 Tage lang Weihnachten veranstalten“, sagt Ingelore Reißmann. „Aber eins stimmt auf jeden Fall: Bei uns gibt es das ganze Jahr über Erzgebirgisches.“ Die rothaarige, freundliche Verkäuferin der „Holzkunst mit Herz“ ist der lebhafte Mittelpunkt eines Geschäfts, das mit dem Begriff Spielzeugladen nur sehr ungenau beschrieben wäre. Im „Erzgebirgshaus“ in der Friedrichstraße 194-199 gibt es Kunst aus Holz im Mini-Format. Hier steht die Tür nicht still, während Ingelore Reißmann ihre kleinen, bunten Kinder zeigt. Sie spricht über die Figuren wie eine Mutter über die eigene Familie, mit Liebe und Achtung. Und sie nimmt den kleinsten Engel ebenso für voll wie den behäbigen Nussknacker, der am Eingang wie ein Zinnsoldat Wache hält.

Dabei war die Holzkunst bei ihr erst Liebe auf den zweiten Blick. Die Hotelfachfrau stand vor Jahren auf der Straße, als ihre Rezeption samt „Spreehotel“ geschlossen wurde. Sie bewarb sich fürs Erzgebirgshaus, das gerade eine Verkäuferin suchte, „weil ich keinen Bürojob machen, sondern mit vielen Leuten zu tun haben und dabei auch immer mal wieder Englisch sprechen wollte.“ Nun darf sie es ertragen: Weihnachten – das ganze Jahr über.

Rings um sie tummeln sich so viele Figuren und Gestalten, wie die geschickten Hände der Holzkünstler aus 70 Betrieben des Erzgebirges das ganze Jahr über zustande bringen. Ingelore Reißmann hat manchem von ihnen über die Schulter geblickt und kann ihren Kunden erzählen, wie die kleinen Kunstwerke gedrechselt, zusammengefügt und bemalt worden sind. „Erzgebirgische Holzkunst“ – das sind 10000 verschiedene Erzeugnisse, von denen zwei Drittel nach 1990 entwickelt wurden. Etwa jedes sechste Originalstück wird exportiert, vor allem nach Japan, in die USA, in die Schweiz, nach England und Skandinavien. Schon zu DDR-Zeiten waren die Wichtel-, Räucher- und Nussknackermänner derart Devisen bringende Exportschlager, dass für den Inlandsmarkt nicht viel übrig blieb. Ganz anders heute, wie ein Blick ins Märchenreich der Liliputaner-Figuren beweist. Die Nussknacker, Räuchermänner, Lichterengel, Pyramiden, Krippen mit dem Jesulein, Schwibbögen, Spieldosen, aber auch Mickymäuse, Blumenkinder, Osterhasen und kugelrund gedrechselte Weihnachtshühner sind das ganze Jahr über gefragt. „Gerade im Sommer kaufen viele Italiener, Amerikaner und Holländer die weihnachtlichen Figuren, aber auch alles andere aus Zwergenland.“

Kann es sein, dass sie die ganze hölzerne erzgebirgische Sippschaft eines Tages über hat? Ingelore Reißmann sagt ganz entschieden: „Nein!“ Auch nicht zu Weihnachten. Das feiert sie „ganz normal“, mit bunten Figuren am Baum und einer Gans in der Röhre. Mit Familie, Geschenken und Weihnachtsliedern, während sich die Pyramide dreht, neugierig betrachtet von Nussknackern und Katzen. Ingelore Reißmann hat, das spürt jeder, der hier beraten wird, großen Spaß an der Sache und „immer wieder viel Liebe“ für jedes einzelne dieser kleinen, mit geschickten Händen auf die Welt gebrachte Lebewesen aus Farbe und Holz. Dazu kommt Stolz auf „ihre“ Erzgebirgler, die seit Generationen die himmlischen Ensembles basteln. Die Konkurrenz freilich, vor allem in Südostasien, schläft nicht. Doch deren Engel verraten sich oft von selbst – durch ihre Schlitzäugelein…

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