Zeitung Heute : Glücklich ist, wer vergisst

Wieso bloß Aschaffenburg? Nach einer großen Internet-Umfrage leben in der bayerischen Stadt Deutschlands zufriedenste Menschen. Vielleicht liegt es am Wetter und am Wein. Oder an der geringen Arbeitslosigkeit. Aber am stolzesten sind sie hier auf ihr „gesundes Mittelmaß“.

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Von Nana Brink,

Aschaffenburg

Es ist dieser Blick, den nur die Einheimischen kennen. Vom Main aus, wo das mächtige vierflügelige Schloss die Stadt beherrscht, fährt Lars Wöhler eine kleine Straße nach oben. Etwa auf halber Höhe springt der junge Mann, im Rathaus zuständig für Wirtschaftsförderung, aus dem Auto. „Hier, da müssen Sie gucken.“ Hübsch, sagen die Besucher dann meistens, sehr hübsch und so deutsch: die zusammengedrängte Altstadt, daneben säuberlich getrennt die Neubausiedlungen, der Hafen am Mainknie, das Industriegebiet, die bewaldeten, sanft ansteigenden Hänge. Wie aus dem Modellbaukasten für elektrische Eisenbahnen. Lars Wöhler lächelt nachsichtig. „Und, was sehen Sie noch?“ Man muss schon ganz genau hinsehen, um in der Ferne ein paar graue Klötze zu entdecken. „Die Skyline von Frankfurt“, sagt er mit einem Verkaufslächeln.

Seit ein paar Wochen fährt Lars Wöhler immer den gleichen Weg, um seinen Gästen zu zeigen, wo die glücklichsten Menschen in Deutschland leben. Er wusste bis vor kurzem auch nicht, dass er zu den Glücklichsten gehört, aber dann hat der „Stern“ (nebst T-Online und dem Unternehmensberater McKinsey) eine Internet-Untersuchung gestartet, bei der 170000 Menschen Auskunft über ihre Zufriedenheit gaben. Die Siedlungen des Elends fand man – was Wunder! – in Vorpommern und der Oberlausitz. Nur das umgekehrte Klischee hat nicht funktioniert: Am besten lebt es sich nicht etwa unter dem weißblauen Himmel des Starnberger Sees oder in Düsseldorf. Nein, in Aschaffenburg am bayerischen Untermain gaben 82 Prozent aller Befragten an, sie seien mit sich und ihrer Umgebung „sehr zufrieden“.

Das bayerische Nizza

Das wiederum hat Lars Wöhler sehr zufrieden gemacht. Was kann einem Wirtschaftsförderer Besseres passieren? Kannte man seine Heimatstadt Aschaffenburg mit ihren nicht mal 70000 Einwohnern bisher doch eher von den Staumeldungen, da sich hier zwei Hauptverkehrsadern in der Mitte der Republik kreuzen. Aber was ist es nur, was diese Stadt so attraktiv macht? Sehen wir also nach, dort, wo gerade noch Bayern ist, aber Frankfurt zum Greifen nah und der fränkische Dialekt schon ziemlich hessisch klingt.

Angeblich ärgert der Aschaffenburger seine norddeutschen Bekannten gerne mit Erzählungen, wie er schon in frühen Märztagen den ersten Cappuccino draußen im Straßencafé zu trinken pflegt. König Ludwig I. schwärmte von seinem „bayerischen Nizza“ und ließ sich hier eine Sommerresidenz im Stil einer römischen Villa bauen. Vom Mainhang aus blickte der König verliebt auf den trägen Fluss und widmete ihm Zeilen wie: „Fühle mich heimisch bei dir…“

Da geht es dem Wirtschaftsförderer nicht anders, nur redet der lieber von den „tollen weichen Standortfaktoren“. Zum Beispiel das Schloss der Mainzer Kurfürsten, denen Aschaffenburg über 800 Jahre gehörte. Ein amerikanischer Unternehmer sagte über den Bau, er habe ihn schon mal in Disneyland gesehen. Oder der Spessart, eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Mitteleuropas, „der liegt vor der Haustür“, mitsamt seinen tausendjährigen Eichen und dem 55 Kilometer langen „Fränkischen Rotweinwanderweg“. Ja, der Wein soll hier auch ein bisschen besser sein als anderswo.

Überhaupt soll ja alles ein bisschen besser sein. Das Wetter, der Wald und die Arbeitslosenquote, die bei sechs Prozent liegt. Wer meint, das hänge mit der Zugehörigkeit Aschaffenburgs zum Laptop-und Lederhosen-Freistaat zusammen, bekommt von Lars Wöhler eine kleine Einführung in die mainfränkische Befindlichkeit. Erst seit 1804 gehört man zu Bayern, und deshalb leistet man sich gern ein bisschen Unabhängigkeit vom weißblauen Wirtschaftswunder nach dem Motto: „Bayern allein macht nicht glücklich.“ Das hören die in der Bayerischen Staatskanzlei nicht gern. Wichtiger als München ist Frankfurt. Knapp 40 Kilometer fährt man auf gut ausgebauten Autobahnen, über 6000 Aschaffenburger pendeln jeden Tag nach Frankfurt. Fast die Hälfte aller Neubauhäuschen im Maintal gehören Frankfurter Familien, „und das sind keine Armen“. Wem der Taunus zu teuer ist, der zieht nach Aschaffenburg.

„Leben und arbeiten in Harmonie“ heißt der Titel einer neuen Broschüre, mit der die Stadt um Investoren wirbt. Selbstbewusst steht da: „Wir sind das gesunde Mittelmaß.“ In Aschaffenburg ist man stolz auf solche Slogans. Vor allem auf das Wort „gesund“. Ferdinand Megerlin weiß, wovon er redet. Der Geschäftsleiter der Werksgruppe Flurförderzeuge und Hydraulik des Linde-Konzerns arbeitet seit 20 Jahren im Werk Aschaffenburg, das mit über 2000 Mitarbeitern zu den Motoren der Region zählt. Stolz geht der Ingenieur durch die Produktionshalle und betrachtet liebevoll seine „neuesten Ferrari“. Die knallroten Gabelstapler von Linde verkaufen sich gut: „Wir machen alles selbst, vom Motor bis zur Hydraulik.“ In Zeiten der Globalisierung ein unpopuläres Argument, aber Megerlin blieb stur und behielt Recht. 1962 liefen 218 Stapler vom Band, 2001 waren es 26500. Warum es so gut läuft? Werkschef Megerlin schmunzelt: „Keine Experimente, deutsche Handarbeit, exzellente Fachkräfte.“ Und keine Expansion in andere Städte. Es ist doch so schön in Aschaffenburg.

Bei einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelstags unter 20000 Unternehmern wurde Aschaffenburg auf Platz drei der besten Wirtschaftsstandorte in Deutschland gewählt. Größter Vorteil: die „Verkehrsinfrastruktur“ und die „Nähe zu den Behörden“. Natürlich, die Wirtschaftskrise ist auch an Aschaffenburg nicht spurlos vorübergegangen. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer fielen immerhin um ein ganzes Drittel. Schlimm genug, aber längst nicht so desaströs wie in anderen Städten. Lars Wöhler, der Wirtschaftsförderer, weiß auch, woran das liegt: 5000 Unternehmen gibt es hier, und die meisten davon gehören nicht gerade zu Großkonzernen.

Es ist schwierig, in Aschaffenburg jemanden zu finden, der mal richtig meckert. Selbst der örtliche Kabarettist findet seinen Heimatort konkurrenzlos. Urban Priol liegt zwar als Leiter eines eigenen Theaters im Clinch mit der Stadtverwaltung – „es geht natürlich um Geld!“ –, aber auf Aschaffenburg lässt er nichts kommen. Es wundert ihn nicht, dass hier die glücklichsten Menschen wohnen, „aber die wissen das ja gar nicht“. Und wenn, dann würden sie es nicht zugeben, denn der „gemeine Mainfranke“ ist „völlig unromantisch, bodenständig und von Natur aus bescheiden“. Er braucht keine „Event-Meile“, um stolz auf seine Stadt zu sein. Der Aschaffenburger habe eben die Geisteshaltung eines „Mental-Inders“, sagt Urban Priol, duldsam, stoisch, schicksalsergeben. Deshalb stören ihn auch die dröge Fußgängerzone mit den 50-Cent-Läden nicht und der Verkehr in der Altstadt.

Auch Urban Priol gelingt es offenbar nicht, größere Gefühlsäußerungen zu provozieren, selbst wenn er die städtischen Honoratioren schon mal kabarettistisch-deutlich ins Visier nimmt. „In meine Vorstellungen kommt auch die CSU.“ Dann fährt sich Urban Priol durch seine abstehenden Haarbüschel, und man weiß nicht genau, ob ihn das wirklich glücklich macht: so ganz ohne Feinde zu sein.

„Nein, wir sind gerne ganz harmonisch.“ Oberbürgermeister Klaus Herzog lässt sich gemütlich in seinen Ledersessel plumpsen. Sein Büro hat noch die Originalausstattung aus den 50er Jahren. Holzgetäfelte Wände, Nierentischchen, „wir wollten da nicht so viel verändern“. Das „Oberbürgermeisterschloss“ war einer der ersten Bauten nach dem Krieg, eine Stahlbetonskelett-Konstruktion, mit roten Sandsteinplatten verkleidet, als moderne Antwort auf das eigentliche Schloss. Ein Skandal damals, heute steht es unter Denkmalschutz, „aber jetzt gibt’s solche Auseinandersetzungen nicht mehr“. Über 90 Prozent aller Stadtratsbeschlüsse fallen weitgehend einstimmig .

Vielleicht liegt das an der politischen Konstellation: Seit Jahrzehnten stellt die CSU die Mehrheit im Stadtparlament; regiert hat aber immer ein SPD-Oberbürgermeister. 30 Jahre lang zum Beispiel der Vorgänger von Klaus Herzog. Und der Sparkassendirektor, der fast noch mächtiger als der Oberbürgermeister ist, hat’s auch nicht kürzer gemacht. Man muss sich eben arrangieren. „Die Menschen wollen hier keine Polarisierung“, sagt Herzog, auch der Wahlkampf lässt die meisten ziemlich unbeeindruckt. Da ist wenig zu holen, denn „wir sind die gelebte deutsche Mitte“. München liegt genauso weit weg wie Hamburg, Frankfurt ist so nah, wie Berlin fern ist. Schröder und Stoiber haben denn auch keine großen Åuftritte in Aschaffenburg geplant. „Was wollen die uns denn versprechen, wir sind doch schon glücklich.“

Als der Kanzler siegte

Obwohl – der Kanzler hat hier schon mal einen großen Erfolg gefeiert. In den frühen 70er Jahren ließ sich Gerhard Schröder im Martinshaus zum Juso-Vorsitzenden wählen. Aber das hat der Aschaffenburger „Mental-Inder“ längst vergessen, falls es ihn je interessierte. Genauso wie die ersten Gehversuche eines späteren CSU-Landesvaters. Alfons Goppel, bayerischer Ministerpräsident vor Franz Josef Strauß, übte hier in den 50er Jahren als Bürgermeister das politische Geschäft, „ohne dass jemand groß Schaden genommen hätte“, sagt Herzog. Aschaffenburg hat seine Prominenten noch nie sonderlich lange und intensiv im Gedächtnis behalten, weder den romantischen Dichter Clemens Brentano, der hier starb, noch den Fußballtrainer Felix Magath. Auch eine Art, glücklich zu werden. Immerhin verbrachte Alois Alzheimer seine Schulzeit am Königlich Humanistischen Gymnasium in Aschaffenburg. Offenbar ist auch er vergessen.

„Also ich finde das toll, einfach nur normale Menschen.“ Cornelia Müller, Journalistin und Mutter von zwei kleinen Kindern, entschuldigt sich fast, dass sie so von Aschaffenburg schwärmt. Hier hat die Schicki-Micki-Szene keine Chance. Es gibt nur gediegene Restaurants, ein Feinschmecker-Italiener musste schließen – und der einzige echte Ferrari, der ab und zu am Rande der Fußgängerzone parkt, ist noch nicht bezahlt. Erzählt die Frau aus dem nahe gelegenen Versicherungsbüro.

Ansonsten fährt der Aschaffenburger das praktische Auto für die statistische Durchschnittsfamilie mit 1,6 Kindern: einen Kombi. Das Auto, das „glücklich macht“, so wirbt jedenfalls ein großer deutscher Automobilhersteller. Und mit diesem Auto fährt er von seinem Arbeitsplatz in Frankfurt 20 Minuten in sein Einfamilienreihenhäuschen am Mainhang. Da ist er wieder, der Blick auf Aschaffenburg, den nur die Einheimischen kennen. Und das Beste an Aschaffenburg, so findet es jedenfalls der Kabarettist Urban Priol: „Man ist auch so schnell wieder weg aus Aschaffenburg.“

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