Zeitung Heute : Glücksmomente

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Silke Becker

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die üblichen Dinge, die Straßenverkäufer abends in Kneipen anbieten, sind: Rosen, Tageszeitungen, Obdachlosenzeitungen, Feuerzeuge, bunt leuchtende Spielwaren. Früher wurden manchmal auch Bücher verkauft. Oft sind mir diese Menschen ein bisschen unangenehm, weil man doch meistens Nein sagt. Dabei brauchen die das Geld doch bestimmt dringend. Aber es gibt auch eine Frau die Glücksbotschaften verkauft. Und davon kann man doch gar nicht genug bekommen. Da greife ich gern zu.

Dieses Kauferlebnis ist mit einer ganzen Menge Ritual verbunden. Man schließt die Augen, streckt den Arm weit aus, greift tief in die Tüte, spreizt die Finger und greift zu. Die kleinen Glücksbotschaften selbst befinden sich in einer beklebten Schultüte, wie sie sonst strahlende Erstklässler im Arm tragen. Während man zugreift, muss man sich eine Frage stellen, sagt die Glücksbotschaften-Verkäuferin. Leise natürlich, es geht ja um persönliche Wünsche, Glück und Geheimnisse.

Was man in der Tüte ertastet, sind kleine bunte Zettel, zehn mal zehn Zentimeter groß. Sie stammen von diesen bunten Notizblocks, wie man sie in jedem Schreibwarenladen kaufen kann. Auf die Zettel schreibt die Verkäuferin mit goldenem Edding ihre Botschaften. Dann dreht sie aus den Zetteln kleine Rollen und bindet sie mit Kräuselband zusammen. Seit neuestem stecken an den kleinen Zetteln auch Federn. Damit soll man sich streicheln, wenn das mal keiner tut. Soviel Glück ist natürlich nicht billig. Drei Euro kostet es, einmal in die Tüte zu greifen. Sparsame könnten einwenden: geschickte Geschäftsidee. Da kann man auch sein Horoskop in der Zeitung lesen. Aber das macht natürlich nicht halb soviel Spaß. Ein bisschen sind die Zettel wie die chinesischen „Fortune Cookies“, und sie haben auch so asiatische Zeichen darauf. Sehr geheimnisvoll.

Was man sich erkauft, sind so tief greifende Botschaften wie etwa: „Ich darf jetzt so sein, wie ich wirklich bin.“ Endlich, denke ich erleichtert. Meine Freundin Sigrun zog beim letzten Mal einen Zettel, auf dem stand: „Ich bin reich. Die Euros kommen immer leicht und mühelos zu mir.“ Wir hatten gerade eine Stunde lang über eine neue Wohnung geredet, die teuer war, stark renoviert werden musste, aber in einer schöneren Gegend lag. Ein Geldsegen, wie auf dem Zettel angekündigt, wäre genau das Richtige gewesen. Meine Freundin sagt jetzt, sie leide seitdem zwar nicht unter Geldmangel, aber leicht und mühelos kämen die Euros nicht. Sigrun will die Hoffnung nicht aufgeben.

Die Zettelmacherin ist Mitte Fünfzig, Typ Aussteigerin. Die ersten Zettel verkaufte sie in Kreuzberg. Früher war sie wohl mal Lehrerin. Sie fing an, Glücksbotschaften zu verkaufen, weil sie das Gefühl hatte, die Menschen bräuchten dringend gute Botschaften.

Die Glücksfee trifft man abends in Kreuzberger und Schöneberger Kneipen.

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