Zeitung Heute : Glühbirnen wechseln lassen

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Die Rentnerin hatte es eilig. Sie war im Auto unterwegs, um ein paar Dinge zu erledigen. Sie war sich keiner Missachtung irgendeiner Verkehrsregel bewusst, hatte an diesem trüben Tag auch das Licht eingeschaltet, als sie von einem Polizisten gestoppt wurde. Doch der wollte sie nur darauf aufmerksam machen, dass das Licht vorn links nicht funktionierte. Danke, Herr Wachtmeister. Früher hätte der Ehemann im Handumdrehen die Birne ausgewechselt und fertig. Was hat er zu Hause nicht alles repariert. „Dem Ingenieur ist nichts zu schwör“, scherzte er. Ach, der alte Witz passt nicht mehr in unsere Zeit. Früher war eben alles anders. Dagegen ist heute manche Kleinigkeit schon ein größeres Problem. Es ist nun so gekommen mit den Zeitläuften, keine Frage des Lebensalters, sondern der immer komplizierteren Technik.

Da der Frau Rentnerin also eine Tücke schwante, zog sie gar nicht erst den Ehemann zu Rate, sondern fuhr sofort in die Autowerkstatt. Und richtig, der Monteur wiegte sein Haupt, machte sich am Computer zu schaffen, der Drucker spuckte einen Auftragsschein aus, der Wagen verschwand in der Montagehalle. Und die Frau saß da wie auf Kohlen, die Zeit lief ihr fort. Dabei war weiter nichts. Es musste nur die Batterie ausgebaut, die Birne ausgewechselt und die Batterie wieder eingebaut werden. So dauerte es seine Zeit, bis sie endlich mit ordnungsgemäßer Beleuchtung vom Hof fahren konnte. Alles in allem hat sie das Auswechseln einer Glühbirne eine gute Stunde Zeit und 23,29 Euro (einschließlich Mehrwertsteuer) gekostet.

Das kann doch nicht wahr sein, dachte sie, märchenhaft. Armes Deutschland, was sind denn das für Konstrukteure?! Kein Wunder, dass die Konkurrenz in der Welt technisch besser ist und unsere Wirtschaft lahmt. Denkste! Sie hat falsch gedacht. Nur musste sie erst dahinterkommen, schließlich kreisen ihre Gedanken gewöhnlich nicht um Autos. Inzwischen weiß sie, dass die Monteure auch bei Autos anderer Fabrikate allerhand zu tun haben, um vorn ans Licht zu kommen. Aha, das ist ja eine richtige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Die werten Kunden sollen sich schlicht öfter in der Werkstatt sehen lassen und so Jobs sichern helfen. Ganz schön raffiniert, diese Technik.

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