Glühlampen : Die ewige Birne

In einer Feuerwache in Kalifornien hängt die älteste noch brennende Glühbirne der Welt. Sie leuchtet seit 108 Jahren. Die in ihrem Licht arbeiten, wollen kaum glauben, dass die EU das Leuchtmittel ab nächster Woche schrittweise verbietet. Sie haben eher Angst, im Dienst zu sein, wenn die Birne aufgibt

Christoph Marschall[Kalifornien] Livermore[Kalifornien]
Birne
Alter Glanz. Am 8. Juni 1901 wurde die Birne eingeschaltet, die immer noch brennt. -Foto: Christoph von Marschall

Fünf Meter hoch hängt sie über dem Boden der Feuerwehrstation 6 in Livermore, Kalifornien, gehalten von einem schwarzen Metallschwengel, dicht unter der Decke. Gesellschaft leistet ihr da oben eine kleine Videokamera.

Sie ist laut Guinnessbuch der Rekorde die am längsten brennende Glühbirne der Welt: Seit 108 Jahren spendet sie Licht. Und wie sie da dieser Tage so hängt und brennt, beständig und bescheiden mit ihren vier Watt, verströmt sie den Charme einer alten Dame, die allerhand in ihrem Leben gesehen hat. Und die nur staunen kann, über das, was ihren Enkeln und Urenkeln nächste Woche auf dem alten Kontinent droht: In der EU beginnt am 1. September der schrittweise Abschied von der herkömmlichen Glühbirne, aus Sorge um Stromverbrauch und Umwelt. 2012 dürfen nur noch die in der Anschaffung teureren, aber langlebigeren Energiesparlampen im Handel sein.

Denen ist die alte Dame, die „Light Bulb“, aus Livermore, eine Kleinstadt nahe San Francisco, in zwei Punkten überlegen: Sie kommt ohne Quecksilber aus. Und ihre Lebensdauer wird nicht mehr debattiert: Die ist längst ein dokumentiertes technisches Wunder.

Am 8. Juni 1901 wurde die Glühbirne eingeschaltet. Ein Geschenk von Dennis Bernal, dem Besitzer des örtlichen Elektrizitätswerks „Livermore Power and Light Co.“ an die Feuerwehr, die damals noch im Erdgeschoss des Rathauses untergebracht war. Damit die Männer bei nächtlichem Alarm nicht erst Kerosinlampen anzünden mussten, um ihre Ausrüstung zu finden.

Sie hat seither bis auf drei kleine Unterbrechungen ununterbrochen geleuchtet. Zwei waren Umzügen geschuldet, eine der Gebäuderenovierung. An den zweiten Umzug im März 1976 erinnert sich Lynn Owens noch gut. Er war damals Chef der alten Feuerwache im Stadtzentrum. Die hätte nach den damaligen Vorschriften erdbebensicher gemacht werden müssen. Der Neubau von Station 6 am Stadtrand kam billiger. „Wir haben die Birne in eine Styroporbox gepackt und die auf dem Vordersitz eines Pick-ups angeschnallt. Dann ging es mit Polizeieskorte an den neuen Einsatzort“, erzählt Lynn, ein gedrungener 65-Jähriger, unter dessen roter Baseballkappe dichtes weißes Haar hervorquillt. „Der städtische Elektriker hat die Drähte miteinander verbunden, alle hielten den Atem an – aber das verdammte Licht wollte nicht leuchten. Da hat er ihr einen kleinen Stoß versetzt, und prompt ging sie an. Ich glaube, das war das letzte Mal, dass sie jemand angefasst hat.“

„Bloß nicht berühren!“ Das war die wichtigste Verhaltensregel, die Captain Peter Richert, der heutige Schichtleiter, lernte, als er vor zwei Jahren auf Station 6 versetzt wurde. „Keiner will der Typ sein, unter dessen Aufsicht die Birne ihren Geist aufgibt.“ Das könne Unglück bringen, ergänzt Schichtkollege John, der an dem Wagen mit der langen ausfahrbaren Leiter herumwerkelt, den sie „The Truck“ nennen. Daneben steht „The Engine“, der rote Pumpenwagen. Vorne parkt „The Grashopper“, ein Jeep mit Allradantrieb, der besonders in abgelegenen Gebieten in Kaliforniens Waldbrandsaison gute Dienste leistet.

Tragen eigentlich alle Feuerwehrleute Schnurrbart? Peter Richerts ist dunkelblond, der von Lynn Owens ist eisgrau, Johns ist schwarz.

Richerts stellt sich direkt unter die Birne und guckt hoch. Der glühende Draht liest sich wie ein „ON“ in Neonschrift. Dann dreht er sich um 180 Grad, und nun schreibt der Draht ein „NO“. Warum das so ist, weiß Richert nicht. Ein optischer Effekt, der bis jetzt noch jeden Besucher Schmunzeln ließ, wie er sagt.

Vom Glühbirnenverbot der EU hat man hier noch nichts gehört, man will es auch nicht so recht, soll der Staat über so etwas entscheiden? Das finden sie nicht einmal hier in Kalifornien mit seinen vielen Umweltauflagen. Owens und Richert sitzen im Aufenthaltsraum der Feuerwache, über alte Fotos gebeugt, und tauschen Anekdoten aus. Wie sie in den 60er Jahren zum Zeitvertreib mit einem Football gespielt hätten und es einmal voll die Glühbirne erwischte. Die – obwohl schon 65 Jahre alt – nahm das nicht übel. Oder wie sich einen Spaß daraus gemacht hätten, den schwarzen Metallstab, an dessen Ende sie hing, wie ein Pendel schwingen zu lassen. Oft seien die Männer unbeabsichtigt an sie gestoßen, weil sie auf der alten Wache so niedrig hing. Und manche, sagt Lynn, hätten sie, wenn es zum Einsatz ging, kurz berührt – wie einen Talisman, der Glück bringt.

Dass sie es bei ihrer Glühbirne aber mit einer Sensation zu tun hatten, das war damals niemandem bewusst.

Das änderte sich 1970/71, als in Fort Worth, Texas, plötzlich jemand behauptete, dort hätten sie die älteste brennende Glühbirne. Am 21. September 1908 habe die ein gewisser Barry Burke am Bühneneingang von Byers Opera House eingeschraubt. Die Texaner nannten sie „das ewige Licht“. Da fühlte sich in Kalifornien einer provoziert: Mike Dunston von der Lokalzeitung „Livermore Herald & News“ trug die Belege für den eigenen Anspruch auf den Titel zusammen. Lynn nennt ihn stolz „unseren Historiker“.

Livermore konnte lebende Zeitzeugen aufbieten, allen voran die Tochter des Glühbirnenspenders Dennis Bernal. Sie sagte, sie wisse genau, dass die Birne am 8. Juni 1901 eingeschaltet worden sei. Und das Guinnessbuch erkannte Livermores Anspruch an.

Als der Wettstreit zwischen Fort Worth und Livermore durch die Medien ging, meldete sich die Herstellerfirma aus Shelby, Ohio, und wollte das ausdauernde Leuchtmittel gerne kaufen. Angeblich seien fünfstellige Summen geboten worden, „believe it or not“, sagt Lynn. „Seither haben wir das Ding mit etwas mehr Respekt behandelt.“ Die Football- und Pendelspiele hörten auf, Anfassen wurde unter Bann gestellt.

Juliette Goodrich schrieb später ein Kinderbuch, „The Little Light Shines Bright“ über die Birne und was sie alles erlebt hat, illustriert mit den technischen Errungenschaften seither: 1903 der erste Motorflug der Brüder Wright. 1908 das T-Modell von Ford. Und 1969, nach vielen weiteren Erfindungen, der erste Mensch auf dem Mond.

Generell wuchs nun die Wertschätzung für die lokale Geschichte in Livermore. In der „Duarte Garage“, einem „historic marker“ am Lincoln Highway, können Touristen heute den ersten pferdegezogenen Feuerwehrwagen besichtigen, dazu einen als Löschfahrzeug umgebauten Ford T und zwei schwerere Maschinen, eine aus den 20er Jahren, die andere aus den 30er Jahren. Eine treibende Kraft hinter all dem ist der 80-jährige Gary Drummond.

Drummond hat mit Freunden 1972 den Geschichtsverein „Heritage Guild“ gegründet, er sammelt Fotos und Alltagszeugnisse aus früheren Zeiten. Sie haben auch eine Internetseite. Auf der kann man durch die Webcam der Wache einen Blick auf die Glühbirne werfen. Eifrig zählen Drummond und seine Freunde die Klickzahlen, die ihre Homepage erzielt. Und freuen sich diebisch, dass sie mehr haben als der Internetauftritt der Gemeinde Livermore. Dass die Männer es mit der Birne nicht übertreiben, dafür sorgt Drummonds Ehefrau Anna, die aus Dänemark stammt. Sie hat eine eher subversive Freude an den komischen Seiten dieser kleinen Berühmtheit. An dem Brief, zum Beispiel, den der damalige Präsident George W. Bush 2001 zur 100-Jahr-Feier sandte und der nun gerahmt schräg unter der Glühbirne an der Wand in der Feuerwache hängt. Oder sie erinnert an den Tag, als eine „Schwester-Glühbirne“ aus derselben Produktion zu Besuch kam.

Bei den beiden Umzügen der Feuerwache sei damals vieles weggeworfen worden. Sammler bedienten sich aus der Entsorgungsmasse. Eine Frau aus Colorado hatte die Geschichte vom Jubiläum der kleinen Leuchte aus Livermore im Radio gehört und sich daran erinnert, dass ihr Vater damals ein Ersatzexemplar mitgenommen und jahrzehntelang, in Papier gehüllt, in einer metallenen Kaffeekanne aufbewahrt hatte. „Die Frau kam angereist“, erzählt Anna Drummond. „Wir haben ihre Birne eingeschraubt und ganz vorsichtig den Stromregler hochgefahren – und sie brannte.“

Am liebsten aber beschreibt sie den Jubiläumstag 8. Juni 2001, der „eine Geschichtslektion für die städtische Jugend“ gewesen sei: das Festkomitee, dem auch sie angehörte, die 640 Essen für die angemeldeten Gäste, die drei Bands aus verschiedenen Stilepochen – „die Rockmusik war für die Älteren etwas zu laut“ – und dann diese „wunderbar absurde Situation: Stellen Sie sich das mal vor“, sagt sie glucksend. „640 Menschen, die um eine Glühbirne herumstehen und Happy Birthday singen!“

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