GM in der Krise : Wie geht es mit Opel weiter?

Der Autobauer GM hat den Abbau von weltweit 47.000 Stellen und Werksschließungen angekündigt. Was bedeutet das für die deutschen Opel-Standorte?

Henrik Mortsiefer Christoph v. Marschall[Washington]
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General Motors in Europa. -

An den vier deutschen Opel-Standorten Rüsselsheim, Bochum, Kaiserslautern und Eisenach geht die Angst um. General Motors (GM) hat angekündigt, 26.000 Arbeitsplätze außerhalb der USA streichen zu wollen. Fast genauso viele Mitarbeiter zählt Opel in seinen deutschen Werken. Wie viele Opelaner betroffen sein könnten, ist aber völlig offen. GM machte bei der Vorlage des Sanierungskonzepts am Dienstag keine konkreten Angaben zur Zukunft des Standorts Deutschlands.

Allein im Stammwerk Rüsselsheim arbeiten aktuell rund 15 500 Menschen, davon etwa 5500 im internationalen Entwicklungszentrum, der Denkfabrik des Autobauers, die auch für den Mutterkonzern wichtige Innovationen und Anregungen liefert. Darauf kann GM eigentlich nicht verzichten, wenn der Konzern seine veraltete, ineffiziente Modellpalette modernisieren will. Zum ersten Mal hat das Management des Autokonzerns am Mittwoch öffentlich auch über einen Einstieg Dritter bei Opel nachgedacht.

Wer dieser Dritte sein könnte, ist aber ebenfalls unklar. Investoren aus der angeschlagenen Autoindustrie sind nicht in Sicht. Auch Exoten wie der Bonner Solartechnikkonzern Solarworld winken inzwischen ab. Solarworld hatte im November eine Übernahme von Opel angeboten.

GM selbst scheint vor allem an staatliche Beteiligungen und die entsprechenden "finanziellen Rahmenbedingungen" zu denken. Der Konzern hat erklärt, dass er bei seinem Umbau auf die Hilfe von Regierungen ausländischer Standorte setze. Darüber diskutiert GM nach eigener Auskunft auch mit der Bundesregierung. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) kam dem US-Konzern entgegen, als er sagte, die Bundesregierung und die Regierungen der Bundesländer mit Opel-Standorten seien auf einem gemeinsamen Weg und "bereit, das Notwendige zu tun, um Opel stabil zu erhalten". Diskutiert wurde zuletzt auch ein direkter Einstieg von Bundesländern.

Was würde aus Opel, wenn sich keine Partner finden oder GM pleitegeht?

Allein wäre Opel nicht überlebensfähig, obwohl die Marke wertvoll und die Modellpalette überwiegend erfolgreich ist. Der Betriebsrat favorisiert die Umwandlung der GmbH in eine Aktiengesellschaft, die zum Teil an die Börse gebracht werden könnte. Dabei denken die Arbeitnehmer wohl an das Vorbild VW. Neben privaten Aktionären könnten die Bundesländer mit Opel-Werken am Autobauer beteiligt werden und über ein "Opel-Gesetz" entsprechende Vetorechte bei Standortentscheidungen erhalten. Bei der EU-Komission hätte diese Konstruktion allerdings keine Chance.

Würde GM nach dem US-Insolvenzparagrafen Chapter 11 Konkurs anmelden, kämen auf Opel Milliardenbelastungen zu, die das Unternehmen alleine nicht bewältigen könnte. So schuldet GM Opel angeblich mehrere Milliarden, weil die deutschen Entwickler Leistungen für die Detroiter Zentrale erbracht haben, die noch nicht bezahlt wurden.

Was sieht das Sanierungskonzept vor?

GM plant, 47.000 Stellen von derzeit 244.000 weltweit zu streichen, 14 seiner 47 Fabriken zu schließen und mindestens drei US-Konzernmarken aufzugeben: die Billigmarke Saturn, die zivile Version des schweren Militärjeeps Hummer und die europäische Marke Saab, die zum Verkauf angeboten wird. Nach Medienberichten steht auch die Zukunft von Pontiac infrage. Womöglich würden nur vier Marken übrig bleiben: Chevrolet, Cadillac, GMC und Buick. Die Marke Opel wird in den USA nicht verkauft. Das Sanierungskonzept war eine Bedingung des Kongresses für die 13,4 Milliarden Dollar Hilfe, die GM bereits bekommen hat. GM muss nachweisen, wie es mittelfristig aus eigener Kraft profitabel werden kann. Stattdessen sieht der Plan aber weitere 16,6 Milliarden Dollar Staatshilfe in den USA vor. GM ist laut Medienberichten zudem im Gespräch mit den Regierungen von Kanada, Deutschland, Großbritannien, Schweden und Thailand über Hilfen zur Erhaltung der dortigen Standorte. GM-Chef Ray Young sagte am Mittwoch, dass es auch in Europa zu Werksschließungen kommen könne. Er verwies dabei auf die hohen Kosten an den Standorten.

Ist das Konzept langfristig genug, um eine Pleite abzuwenden?

GM musste mehrere Annahmen aus den Sanierungsmodellen vom Dezember und Januar korrigieren. So gibt es bisher keine vollständige Einigung mit der Autogewerkschaft über die Reduzierung der Krankenversorgungskosten für pensionierte GM-Mitarbeiter, die rund 20 Milliarden Dollar betragen. Auch steht die Absicherung künftiger Krankenversicherungszahlungen infrage. Mehrere Milliarden Dollar sollten durch Abtretung von Aktien garantiert werden. Doch alle GM-Aktien zusammen sind derzeit nur noch 1,33 Milliarden Dollar wert.

Bisher hatte GM kalkuliert, zwölf Millionen Autos 2009 verkaufen zu können. Wegen der Krise sollen es nur noch 10,5 Millionen sein. Mit den erbetenen Staatshilfen will GM in 24 Monaten profitabel sein. Ohne Hilfe werde man bald keine Gehälter mehr zahlen können, hieß es. Der Konkurs bleibt eine Option. In den USA bedeutet dieser Schritt nicht das Ende einer Firma, sondern den Schutz vor Gläubigerforderungen. Es ist zugleich ein Drohmittel gegenüber Gewerkschaften und Aktionären, ihren Teil zur Sanierung beizutragen. Bei einem Konkurs riskieren sie, komplett leer auszugehen. Manche Experten argumentieren, die gesellschaftlichen Kosten eines Konkurses seien höher als die erbetene Hilfe aus Steuermitteln.

Wie reagiert die US-Politik?

Präsident Obamas Regierung hat den Eingang des Sanierungskonzepts zwar bestätigt, aber noch nicht inhaltlich Stellung genommen. Man benötige mehrere Tage, um den Plan zu prüfen. Obama sagte, er wisse um die Bedeutung einer lebensfähigen US-Autoindustrie. Neben GM ist auch Chrysler von Insolvenz bedroht.

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