Zeitung Heute : Gnadenlos gefeuert

Erst warf Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust den Innensenator Ronald Schill aus dem Zimmer, dann aus dem Amt. Er muss gehen, weil er von Beust bei einem Vier-Augen-Gespräch erpresst haben soll. Notizen einer Schlammschlacht.

Fred Grimm[Hamburg]

In der Stunde des großen Showdowns sah Ronald Schill aus wie auf den Hassplakaten seiner Gegner. Dank einer kleinen, gemeinen Stelle auf der Oberlippe – Herpes? Ein Tintenfleck? – wirkte der Jetzt-nicht-mehr-Hamburger-Innensenator, als habe er sich übers Wochenende ein Hitlerbärtchen stehen lassen. Aber auf Äußerlichkeiten achtete niemand in dieser Stunde, in der Worte durch den völlig überfüllten Konferenzsaal wehten, wie man sie hier, im Rathaus der ehrwürdigen Freien und Hansestadt Hamburg, noch nicht gehört hatte. Von „homosexuellen Beziehungen“ raunte Schill, von einer Wohnung in einer berüchtigten Strichergegend am Hansaplatz, in der es „zu gewissen Dingen“ gekommen sei, „die auf Liebesakte schließen lassen“ – zwischen dem Bürgermeister Ole von Beust und seinem Justizsenator Roger Kusch. Altgediente Rathauskorrespondenten protokollierten mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und schauderndem Behagen. „Politik“, beschloss der einstige Shooting-Star der Hamburger Lokalpolitik seinen verbalen Amoklauf, „ist ein noch schmutzigeres Geschäft als ich erwartet habe.“

Am Morgen dieser denkwürdigen Pressekonferenz, um 9 Uhr 40, hatte Bürgermeister von Beust den wutschäumenden Koalitionspartner in seinem Amtszimmer empfangen. Der Christdemokrat hatte über den Kopf von Ronald Schill hinweg dessen wichtigsten Beamten, Innenstaatsrat Walter Wellinghausen, entlassen. Schill verlangte, wenigstens das Ende des Disziplinarverfahrens abzuwarten. Von Beust weigerte sich. Das, was danach passiert sein soll, verwandelte die Syltbräune des Bürgermeisters bei der nachfolgenden Pressekonferenz in bedenkliches Ampelrot. „Ich bin erschütterlich“, schimpfte von Beust mit entgleitender Prosa. Schill habe ihm gedroht, seine „angebliche“ Beziehung zu Parteifreund Kusch öffentlich zu machen, sollte er an Wellinghausens Entlassung festhalten. Kusch sei lediglich ein Freund („seit 25 Jahren“) und – zahlender – Mieter („mit Nebenkosten“). „Das ist alles. Absolut alles.“ Die ihm vorgeworfene Verquickung politischer mit persönlichen Dingen sei absurd, die Drohung von Herrn Schill „ungeheuerlich“. Im Falle von Herrn Wellinghausen bliebe ihm nach den Maßstäben, die er persönlich an das Verhalten von Spitzenbeamten lege, keine andere Wahl als die Entlassung aus dem Amt. Und Schill habe er gefeuert. „Die Urkunde ist gefertigt.“

Seit Monaten wabert die Affäre um Wellinghausens vermeintliche Nebengeschäfte durch die Hansestadt. Der Innenausschuss tagte, ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss wird angedroht. Wellinghausen, der es als SPD-Mitglied in Hamburg in den 80er Jahren bis zum Bezirksvorsitzenden gebracht hatte, soll als Vorstand der Münchener Isar Klinik II AG weitaus länger tätig gewesen sein als nach dem Beamtenrecht erlaubt. Die Aufklärung vollzog sich scheibchenweise. Mal tauchten Überweisungen in Höhe von 24542,01 Euro auf Wellinghausens Konto auf, an die er schlicht „nicht gedacht“ hatte. Mal kam heraus, dass er noch über ein halbes Jahr nach seiner Amtseinführung an Vorstandssitzungen teilgenommen hatte. Eine Radiologenpraxis entlohnte den umtriebigen Beamten noch bis in diesen Sommer hinein mit 4600 Euro. Am Wochenende schließlich erklärte der ehemalige Tennisprofi Michael Stich, Wellinghausen habe ihn noch im Frühjahr 2002 als Investor für die Firma anwerben wollen, für die er angeblich schon längst nur noch „abwicklungstechnisch“ tätig gewesen sein will.

Ein Skandal eher mittlerer Art, der sich diskret durch eine Entlassung hätte regeln lassen, wäre nicht der im Amt ausgesprochen beliebte „Aktenfresser“ Wellinghausen genau das Symbol gewesen, mit dem man die eigentliche Skandalfigur Schill treffen konnte. „Zwischen uns passt nicht einmal ein Stück Papier“, hatte sich Ronald Schill vorgewagt – mehr als nur das Bekenntnis eines zufriedenen Dienstherren. Schon Wellinghausens Ernennung galt als umstritten. Der hochintelligente Jurist hatte „Richter Gnadenlos“ im Jahr 2001 gegen den Vorwurf der Rechtsbeugung verteidigt und einen Freispruch erwirkt, ohne den Schill niemals hätte Innensenator werden können. Wellinghausen beriet Schill auch, als der wegen seines angeblichen Kokainkonsums Anfang 2002 schon einmal mit eineinhalb Beinen aus dem Amt katapultiert zu sein schien. Schills Haarprobe à la Daum, die bis gestern als vorläufiger Tiefpunkt Hamburger Skandalgeschichte galt, soll seine Idee gewesen sein.

Im Amt ackerte Wellinghausen wie das fleischgewordene Gegenstück zu dem nicht als übertrieben fleißig bekannten Senator – und hielt dem, durchaus selbstbewusst, den Rücken frei. „Mir ist egal, wer unter mir Innensenator ist.“ Vor seiner Karriere an der Seite des Ronald Barnabas Schill hatte sich Rechtsanwalt Wellinghausen durch die Verteidigung vermeintlicher Prügelpolizisten einen Namen gemacht. An die Tätigkeiten für Angeklagte aus dem Umfeld der „Hell’s Angels“ wird er dagegen weniger gern erinnert. Seiner vermeintlichen Nähe zu zweifelhaften Figuren wird auch ein Überfall aus dem Jahr 1994 zugerechnet, bei dem Unbekannte unter bis heute nicht geklärten Umständen dem Rechtsanwalt einen Knieschuss verpassten. Wer ihn in den vergangenen Tagen traf, erlebte einen schwer angeschlagenen Mann, der Büroklammern im Dutzend zerknetete und die angegriffene Gesundheit seiner Frau beklagte. Ein Mann, dessen Selbstgerechtigkeit beinahe stündlich schwand und der vielleicht ganz von selbst zurückgetreten wäre, hätte es ihn in dem bizarren Fernduell zwischen Ronald Schill und Ole von Beust nicht so zwischen die Fronten getrieben.

Es war das quälend Unausgesprochene, in Hinterzimmern und an Polit-Stammtischen Kursierende, das die Atmosphäre zwischen dem Ersten und Zweiten Bürgermeister so latent vergiftet hatte. Nie verwand Schill, der als großer Saubermann im Wahlkampf jeden fünften Hamburger für sich begeistert hatte, dass Ole von Beust ihm zu Beginn der Koalition die Berufung seiner damaligen Lebensgefährtin Katrin Freund als Referentin versagt hatte. Eine solche Verquickung persönlicher und politischer Motive sei unlauter, hatte der blonde Christdemokrat geätzt. Dass von Beust privat eher Männern zuneigt, wird in Hamburg hartnäckig kolportiert, ebenso dessen Parteifreund Roger Kusch. Darüber offen zu spekulieren, würde allerdings kein Hanseat wagen. Wer immer – etwa nach dem Outing seines Berliner Kollegen Wowereit – mit von Beust über dieses Thema gesprochen hat, erlebte, wie der Politiker beinahe wie von Magenkrämpfen gepeinigt dreinblickte und wortreich schwieg. Es waren auch die Spuren eines ungelebten Lebens, die gestern sichtbar wurden. Die Angst vor einer vermeintlichen Enttarnung, die vielleicht eine Erpressung witterte, wo keine war. „Ich hätte nie etwas über von Beusts Homosexualität gesagt, hätte der Bürgermeister mir nicht Erpressung vorgeworfen“, sagte Schill hinterher.

Nach seiner kurzen Erklärung rollte von Beust seine Papiere zusammen und deutete nach rechts, wo bereits Ronald Schill für seine Rede bereitstand. Er bat um Verständnis, dass er in Anwesenheit von Herrn Schill nicht mehr für weitere Auslassungen zur Verfügung stünde. Eine wegwerfende Handbewegung in Richtung seines einstigen Koalitionsfreundes. Kein Blick. Er hat es nicht mehr ausgehalten.

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