Zeitung Heute : Go east and come west

Direktaustauschprogramme fördern Studium, Sprache und Kulturverständnis

Anke Assig

Die Berliner Studierendenschaft ist mobil wie nie zuvor. Allein an der FU machen sich Dank Erasmus, Sokrates und Co. jedes Jahr über eintausend Studierende auf den Weg ins Ausland, um ein oder zwei Semester an den Partneruniversitäten der FU zu verbringen. Im Gegenzug heißt der Dahlemer Campus jährlich bis zu 1200 Kommilitonen über Austauschprogramme aus aller Herren Länder willkommen. Der Anteil derjenigen, die über das europaweite Erasmus-Programm aus Osteuropa anreisen, wächst dabei stetig. Denn die Dahlemer Universität pflegt mit fast 40 mittelost- und osteuropäischen Universitäten Austauschbeziehungen, darunter mit allen neuen EU-Ländern. Aus dieser Region stammen gegenwärtig 170 Programmstudenten während gleichzeitig 120 FU-Studierende in Osteuropa, dem Baltikum und Russland Land und Leute studieren.

Von den 5500 ausländischen Studenten der FU kommen knapp 4000 Studierende aus Osteuropa! Davon stammen über 600 allein aus dem Nachbarland Polen – der größten Gruppe ausländischer Studierender an der FU überhaupt, gefolgt von Bulgarien mit knapp 400 und Russland mit knapp 300 Studierenden.

Zusätzlich pflegt die FU aus eigenem Engagement ein Direktaustauschprogramm mit etlichen ihrer Partnerhochschulen. Kooperationsvereinbarungen mit den ausländischen Partnerunis ermöglichen jährlich einen direkten Austausch Studierender aller Fachrichtungen. Dabei übernimmt die jeweilige Gastuniversität die Aufenthaltskosten. Drei bis neun Monate Studiendauer können so – zumeist über Vollstipendien – finanziert werden.

Von den Direktpartnerschaften profitieren jedoch nicht nur Studierende, auch wenn sie den größten Teil der akademischen Austauschbewegung ausmachen. Wissenschaftler nehmen ebenso daran teil. Mal sind es Forschungsaufenthalte von wenigen Wochen, mal Gastprofessuren über ein halbes Jahr, die den Wissens- und Kulturtransfer fördern.

Die Beziehungen der Freien Universität nach Osteuropa sind auf dieser Ebene mit Polen, Tschechien, Russland und Ungarn besonders eng. Mit der Staatlichen Universität Leningrad, heute St. Petersburg, ging die FU im Jahre 1968 ihre erste Partnerschaft mit einer osteuropäischen Hochschule ein. Inzwischen bestehen elf Partnerschaftsverträge. Anlässlich des 200-jährigen Gründungsjubiläums der Universität Kasan (circa 1000 Kilometer südöstlich von Moskau an der Wolga) gewann die FU Berlin am 18. November ihren jüngsten Partner für den Direktaustausch hinzu. Ob es in Zukunft noch mehr werden, wird entscheidend von der finanziellen Situation der FU abhängen. Die Nachfrage jedenfalls besteht.

Für einen Gastaufenthalt östlich der Oder sprechen viele Gründe: Wer mutig und neugierig genug ist, längere Zeit mit Menschen anderer Mentalitäten abseits des gewohnten Umfeldes zu leben, ein anderes Studiensystem in einer anderen Sprache zu erleben, der wird sich auch für zukünftige Herausforderungen im Leben gewappnet fühlen. Im (fremdsprachlichen) Austausch mit den Gastgebern erweitern sich die Sprachkenntnisse nach und nach. So mancher wird in der neuen Sprache sogar verhandlungssicher. Die EU-Osterweiterung ist noch kein Jahr alt und das „Go east“ der Wirtschaft nicht zu überhören. Das wissen insbesondere die Hochschulabsolventen, die sich, mit slawischen Sprachen gerüstet, als Europäer verstehen. Und das werden auch Arbeitgeber wohlwollend registrieren, denn Auslandserfahrung gehört mittlerweile wie selbstverständlich in den Lebenslauf von Akademikern. Auslandserfahrung im Osten Europas ist (noch) ein Alleinstellungsmerkmal, das Bewerbern zukunftsträchtige Perspektiven eröffnen kann.

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