Zeitung Heute : Görlitz: Häuser wie Paläste

Andre Micklitza

In Görlitz ticken die Uhren ganz genau. Die Stadt liegt exakt auf dem 15. Meridian östlicher Länge, nach dem die mitteleuropäische Zeit geeicht wird. Besorgt schauen viele Auswärtige auf ihre Armbanduhr, wenn die Turmuhr der Dreifaltigkeitskirche die volle Stunde angibt. Sie schlägt sieben Minuten zu früh: Einst konnte ein Handwerkeraufstand vereitelt werden, weil die Mitternachtsstunde zufällig vor der Zeit anschlug. Für die Beteiligten hieß es "Kopf ab" oder "Vierteilen". Böse Zungen behaupten, der Stadtschreiber habe veranlasst, dass es von nun an immer vorzeitig zur vollen Stunde läutet, um Aufsässige einzuschüchtern. Die Görlitzer waren nie zimperlich, wenn es um die Machtfrage ging. Das ist bis heute so geblieben: 1998 wählten die Bürger in einem Volksentscheid ihren ungeliebten Oberbürgermeister ab.

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, nennt Görlitz die schönste Stadt Deutschlands. Sicher, auch Bamberg, Heidelberg oder Regensburg sind prächtig. "Aber es gibt hierzulande keine ähnliche unzerstörte gewachsene Bausubstanz aus mehreren Jahrhunderten in dieser Dichte." Heute stehen 3500 Gebäude unter Denkmalschutz. Von Gotik über Renaissance, Barock und Gründerzeit bis hin zum Jugendstil ist alles original erhalten. Görlitz hat den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden. Die jahrzehntelange Vernachlässigung unter SED-Regime führte zwar zu argen Bauschäden, ließ das historisch gewachsene Stadtbild aber unangetastet. Drohendes Unheil lässt ein Städteführer aus DDR-Zeiten nur erahnen: "Großzügige Projektierungen dürfen sich nicht von einer kleinlichen Altertümelei leiten lassen, sondern haben der Perspektive der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung zu entsprechen." Zum Glück für die Stadt kam dann die Wende.

Am Untermarkt stehen herrliche Gebäude dicht gedrängt. Der Schönhof ist etwas ganz besonderes und hat einst für großes Aufsehen gesorgt. Wendel Roskopf der Ältere, Schüler des Prager Baumeisters Benedikt Ried, errichtete hier das erste Renaissancehaus in Deutschland. Für Görlitz typisch sind die Hallenhäuser, die noch heute vom Reichtum ihrer Besitzer künden. Einst führte die Via regia (Hohe Straße) durch die Stadt, die Spanien mit Russland verband. Fernhändler besaßen hier riesige Lager- und Stapelräume. Die stattlichen Häuser wirken wie kleine Paläste, im Sommer fühlt man sich in manchen Höfen sogar nach Italien versetzt. Gelegenheit zum Besichtigen bietet ganzjährig eine Führung mit dem Stadtwächter: Die eineinhalbstündige Tour endet in einem der Hallenhäuser mit einem kleinen Umtrunk.

Zum Rathaus sind fünf Gebäude zusammengefügt. Die geschwungene Rathaustreppe mit Verkündkanzel bewacht Justitia, nur hier ohne Augenbinde. Sie ist das Sinnbild für die hohe Gerichtsbarkeit im Mittelalter. "Das Gesicht mit Helm auf der unteren Uhr soll einen Stadtwächter darstellen, der einen Brand verpennte, zur Strafe muss er nun jede Minute mit den Augen rollen", erzählt Stadtbildpfleger Mitsching. Im Rathaus wurden jüngst beim Entfernen einer Zwischendecke mittelalterliche Holzmalereien wieder entdeckt. Weil solche Überraschungen gehäuft auftreten, werden in den Altstadthäusern vor und während aller Bauphasen gründliche Befundanalysen vorgenommen: Behutsam klopft man Putzstücke ab, um darunter liegende Schichten zu prüfen. Probebohrungen geben Aufschluss über eingesetzte Mauern und Einbauten. Und schließlich leistet das Ratsarchiv wertvolle Hilfe bei der Suche nach alten Plänen und Skizzen.

Der akribischen Arbeit der Stadtschreiber ist es zu danken, dass Stadtbücher, Gerichtsprotokolle und Rechnungsbücher des Rates seit dem Ende des 14. Jahrhundert nahezu geschlossen überliefert wurden. Das "Stadtgedächtnis" hilft auch Privatpersonen. Es häufen sich E-Mail-Anfragen aus aller Welt. Viele US-Amerikaner mit dem Familiennamen Görlitz melden sich, um Fragen ihrer Herkunft zu klären.

Die Ratsapotheke ist wieder ein Schmuckstück. Jüngst wurde das fast völlig verputzte Eingangsportal freigelegt, unter dem es 200 Jahre verborgen war. "Dabei entdeckten wir stellenweise die originale Renaissancefarbigkeit, das wurde in der Fachwelt als Sensation angesehen", berichtet Mitsching. "Das Portal konnte authentisch bemalt werden, auch wenn das Kunterbunte heute nicht jedermanns Geschmack trifft." Statt der Apotheke hat sich heute im Erdgeschoss ein stilvolles Café etabliert. Der nahe Flüsterbogen ermöglicht ein mittelalterliches Telefonat, denn die Hohlkehle im Eingangsportal des Hauses Nummer 22 überträgt selbst leiseste Töne. Das bleibt auch im Zeitalter der Telekom eine Attraktion.

Von den vielen mittelalterlichen Schätzen ragt das Heilige Grab als weltweite Rarität heraus. 1464 schwängerte ein Bürgermeistersohn die Tochter einer verfeindeten Familie. Vater Emmerich versagte seinem Spross die Heirat, stattdessen musste dieser eine Pilgerfahrt nach Jerusalem antreten. Von dort brachte er exakte Pläne des Heiligen Grabes mit und stiftete als Dank für die glückliche Heimkehr eine Kopie des Originals. Im 19. Jahrhundert beschädigte ein Brand das Heilige Grab in Jerusalem, es wurde danach im Zeitgeschmack erneuert. Die Görlitzer Anlage behielt hingegen ihr Aussehen: 300 Jahre älter und authentischer als die heutige im Nahen Osten.

Moderne und oft gesichtslose Konsumtempel verschandeln viele deutsche Innenstädte. Nicht so in Görlitz: Die so genannte Straßburgpassage verbindet die Berliner- mit der Jakobstraße. Der maurisch beeinflusste Warenhauskomplex mit Lichthöfen und Hallen entstand 1908. Und das vielleicht schönste Kaufhaus Deutschlands steht am Marienplatz. Es wurde 1912 als Luxus-Kaufhaus "Strauß" eröffnet und verkörpert noch heute die frühe deutsche Warenhausarchitektur. Es blieb als Einziges original im Jugendstil erhalten. Wegen des wundervollen Lichthofes mit bemalter Glaskuppel besitzt es allerdings nur kleinere Verkaufsflächen.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde Görlitz als "die anmutigste und attraktivste Provinzstadt in Deutschland" bezeichnet. Und unlängst beschloss man in Görlitz, sich als "Kulturhauptstadt Europas" im Jahr 2010 zu bewerben.

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